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Spannende Mediations-Fälle von Klarau (5. Teil)

Mein Mediations-Kollege André Thommen hat die Idee aufgebracht, reale oder fiktive Mediations-Geschichten zu erzählen. Mit Hilfe von spannenden oder lustigen Geschichten könnte die Mediation und insbesondere die Wirtschaftsmediation einem breiteren Publikum nähergebracht werden. Mediation ist eine wunderbare Möglichkeit, Konflikte lösen zu helfen.

Die Basis meiner Geschichten bildet ein Kriminalroman, den ich 2012 unter dem Pseudonym ‚von Klarau‘ geschrieben habe. Der Hauptprotagonist im Roman ‚Schmuggelware‘ – Clement von Klarau – ist Mediator. Im Roman wird Clement ohne Zutun und Verschulden in ein Verbrechen verwickelt. Bei der Lösung des Falles helfen ihm seine Mediations-Fähigkeiten. Daneben geht er nach wie vor seiner Berufung und seinem Beruf als Mediator nach und hilft, Konfliktparteien ihre Auseinandersetzungen einvernehmlich zu lösen.

Die weiteren Episoden finden Sie hier:

1. Teil –
«Die höchste Form menschlicher Intelligenz ist, zu beobachten ohne zu bewerten»

2. Teil – «Die Kirche sagt, du sollst deinen Nächsten lieben. Ich bin überzeugt, dass sie meinen Nachbarn nicht kennt.»

3. Teil – «Was du ererbst von deinem Vater hast, erwirb es, um es zu besitzen»

4. Teil – «Die Feigheit tarnt sich am liebsten als Vorsicht oder Rücksicht.»

Ich hoffe, Sie haben ein wenig Spass beim Lesen der neusten Episode und lernen dabei vielleicht etwas Neues über die Mediation, wie Mediatoren und Coaches denken und erfahren zudem das eine oder andere «Mediations-Geheimnis».

Hinweis: Da die Originale dieser Mediations-Geschichten in ein Buch eingebettet sind, kann es sein, dass einige Passagen auf Gegebenheiten, Orte oder Menschen hinweisen, die an anderer Stelle im Buch vorkommen. Entsprechend kann der Leser ein paar Details vermissen. Ich traue jedoch den Lesern zu, evtl. fehlende Elemente mit der eigenen Fantasie zu ergänzen.


Andreas Betschart


Handlung und Personen sind frei erfunden. Sollte es trotzdem Übereinstimmungen zu lebenden oder verblichenen Personen geben, so würden diese auf jenen Zufällen beruhen, die das Leben so vorgesehen hat.


„Das Vorurteil ist die hochnäsige Empfangsdame im Vorzimmer der Vernunft.“

— Karl Heinrich Waggerl

Ich streckte meine Hand aus: „Guten Morgen Frau Meierhans.“
Wie zum Schutz hielt Frau Meierhans ihre Handtasche vor ihre ausladende Brust. Ich schätzte Frau Meierhans auf 70 Jahre. Sie hatte sich herausgeputzt und trug ihre Haare hochgesteckt. Die Haare schimmerten silbergrau, beinahe schon bläulich. Noch nie hatte ich eine so voluminösen Haarpracht auf einem so kleinen Kopf gesehen. Frau Meierhans Kopf und Frisur erinnerte mich ungewollt an einen überdimensionierten Champignon. Frau Meierhans war klein und korpulent und trug ein fein kariertes, orangefarbenes Kostüm. Die rötliche Fassung ihrer Brille kontrastierte mit ihren bläulichen Haaren. Sie war stark geschminkt und eine Parfumwelle schwappte mir entgegen. Ein harziger Start, zumal ich rein gar nichts mit Parfum anfangen konnte.

Frau Meierhans atmete schwer. Ich vermutete vor Aufregung, denn die paar Treppenstufen zur Eingangstüre konnten das kaum bewirkt haben. Sie ergriff meine Hand und drückte sie kraftlos.

„Herr von Klarau, es ist mir eine Ehre“, sagte sie beinahe unhörbar und ergriff wieder mit beiden Händen ihre Handtasche und hielt sie sich vor die Brust.

Hinter ihr sah ich einen Mann eintreten. Er wartete. Ich nahm an, dass dies Herr Faltstein, ihr Vermieter war.

„Herr von Klarau, Faltstein, Franz Faltstein“, sagte er und streckt mir seine Hand entgegen.

„Ah, Herr Faltstein, schön, Sie persönlich kennenzulernen“, begrüsste ich ihn.

„Ich habe Frau Meierhans mit meinem Wagen mitgenommen. Sie fährt selber nicht Auto“, sagte er beinahe entschuldigend.

„Das ist nett von Ihnen Herr Faltstein. Wie geht es Ihnen?“

„Gut gut, danke der Nachfrage“, sagte Herr Faltstein.

„Schön, schön“, sagte ich und wandte mich schnell wieder Frau Meierhans zu.

Ich musste aufpassen, dass ich mich nicht wiederholte, so wie es Herr Faltstein die ganze Zeit tat.

„Bitte nehmen Sie doch Platz“, ich zeigte mit einer einladenden Handbewegung auf die drei Sessel, die vor meinem Schreibtisch im Kaminzimmer aufgereiht waren und ging voraus.

Frau Meierhans lief in kleinen, wackligen Schritten zu den Sesseln vor meinem Schreibtisch. Ich stellte mich hinter einen Sessel und wartete, bis sie sich hinsetzte und half ihr dabei, den Sessel zurechtzurücken.

„Das ist aber aufmerksam, Herr von Klarau, wie ein Gentleman“, und hastig fügte sie hinzu, „ich habe von einem so edlen Herrn natürlich auch nichts anderes erwartet. Vielen Dank, das ist aber lieb!“

Frau Meierhans strahlte mich kurz über die Schulter an, bevor sie sich setzte.

Sie ruckelte noch ein wenig unruhig auf dem Sessel vor und zurück und blieb dann mit eng zusammengedrückten Beinen und durchgestrecktem Rücken auf der Kante des Sessels sitzen. Ihre Handtasche stelle sie sich auf die Knie und hielt sich weiter daran fest.

Herrn Faltstein bot ich einen weiteren Sessel an. Den Sessel in der Mitte liess ich frei für Frau Gökdan, die noch nicht erschienen war.

Herr Faltstein trug einen altmodischen, grauen Einreiher und eine überbreite Krawatte. Sie war grau wie sein Anzug. Ich hatte mit Herrn Faltstein erst zweimal telefoniert und hatte mir meine Vorstellungen gemacht, wie er wohl aussehen würde. Diesmal stimmten meine Vorstellungen mit der Realität erstaunlicherweise in vielen Punkten überein. Franz Faltstein hatte ein breites Gesicht, deutliche Nasolabialfalten und Hängebacken. Ein Doppelkinn komplettierte sein fülliges Gesicht. Er hatte einen perfekt von der Kopfhaut abgegrenzten Haarkranz. Kein graues Haar war zu sehen. Ich ging davon aus, dass er sich die Haare braun färbte, denn Herr Faltstein war 61 Jahre alt.

Ich offerierte Frau Meierhans und Herrn Faltstein ein Glas Wasser. Beide lehnten dankend ab. Da Frau Gökdan noch nicht eingetroffen war, führten wir zu Beginn ein belangloses Gespräch über das Wetter. Frau Meierhans erzählte von ihrem Unfall, den sie im Winter gehabt hatte. Sie war auf der Strasse ausgerutscht und hatte sich das Bein gebrochen.

„Wissen Sie Herr von Klarau, man wird auch nicht mehr jünger und die Knochen wachsen nicht mehr so schnell zusammen“, sagte sie.

„Sie sehen aber noch rüst…“, das Läuten der Türglocke unterbrach mich bei der Schmeichelei. Ich schaute auf die Uhr auf dem Computer-Bildschirm auf dem Tisch. Es war 08.20 Uhr. Den Besprechungstermin hatten wir auf 08.30 Uhr angesetzt. Frau Gökdan kam somit auch ein wenig früher zu unserem Mediationstermin.

Kurze Zeit drauf klopfte es an der Kaminzimmertüre und mein Schwiegervater Paul trat gefolgt von einer Frau ein. Frau Gökdan hatte bei unserem Telefongespräch erwähnt, dass sie alleine kommen würde.

Frau Gökdan war eine grossgewachsene, gertenschlanke Frau. Ich schätzte sie auf knapp 40 Jahre. Ihr nicht ganz schulterlanges, schwarzes Haar, trug sie als Bob. Ihre weisse kurzärmlige Bluse betonte die gebräunten Unterarme. Dazu trug sie einen anthrazitfarbenen Faltenrock, einen breiten schwarzen Gürtel mit einer wuchtigen Silberschnalle und bequeme schwarze Schuhe.

Ich stand auf und umrundete meinen Tisch, um sie zu begrüssen. Auch Herr Faltstein stand auf, während Frau Meierhans geschäftig in ihrer Tasche wühlte und Frau Gökdan keines Blickes würdigte.

„Ah Frau Gökdan, willkommen“, begrüsste ich sie und gab ihr die Hand.

„Bu konuyu sizinle görüşmeyi sabırsızlıkla bekliyorum“, sagte sie ernst und schüttelte meine Hand.

„Ich….“, war verunsichert. Sie konnte doch Deutsch? Oder hatte ich mit jemanden anderem aus der Familie gesprochen?

„Keine Angst, Herr von Klarau“, sagte sie lachend, in einem sehr verständlichen Deutsch, „Sie sollten doch wissen, dass ich auch sehr gut Deutsch spreche, schliesslich haben wir auch schon telefoniert. Was ich eben sinngemäss sagte: Ich freue mich darauf, diesen Sachverhalt mit Ihnen zu besprechen.“

Sie drehte sich zu Herrn Faltstein um.

„Herr Faltstein, schön Sie zu sehen“, sie schüttelte seine Hand. Sie wandte sich an Frau Meierhans, „Guten Tag Frau Meierhans. Es freut mich, auch Sie endlich zu treffen.“

Ganz langsam und prononciert, als ob sie mit einem begriffsstutzigen Kind sprechen würde, sagte Frau Meierhans: „Ah, Frau Nachbarin. Sie den Weg gefunden haben?“

Frau Gökdan lachte: „Frau Meierhans, ich kann sprechen gut Deutsch, Sie können mit Sprechen mir in ihres normales Sprach.“

Frau Meierhans schaute sie irritiert an: „Wie bitte?“

„Das war nicht nett von mir, entschuldigen Sie, ich habe mir einen kleinen Scherz erlaubt“, sagte Frau Gökdan, „leider hatten wir noch nie Gelegenheit, uns persönlich zu sprechen, Frau Meierhans. Für nicht mal ein ‚Hallo‘ im Treppenhaus hat es bis anhin gereicht. Eigentlich erstaunlich. Wir wohnen bereits ein Jahr im gleichen Wohnblock. Schade. Ich habe ein paarmal versucht, mich vorzustellen. Wahrscheinlich waren Sie aber jeweils nicht zu Haus, als ich klingelte.“

„Ach?“ sagte Frau Meierhans bloss und zog eine Augenbraue hoch.

„Bitte nehmen Sie doch Platz Frau Gökdan“ sagte ich und zeigte auf den mittleren der im Halbrund stehenden Sessel.

Sie nahm Platz. Herr Faltstein und ich setzten uns auch.

Nun waren wir komplett.

Vor gut einem halben Jahr hatte ich das erste Mal mit den anwesenden Parteien telefoniert. Dazumal hatte mich Franz Faltstein kontaktiert. Er war der Vermieter der Wohnungen, in denen unter anderem Frau Meierhans und die Familie Gökdan wohnten. Aufgrund der Beschwerden von Frau Meierhans über den Lärm und das Verhalten der Familie Gökdan, hatte Herr Faltstein der Familie Gökdan mit der Kündigung gedroht. Frau Gökdan hatte daraufhin Herrn Faltstein unmissverständlich dargelegt, dass sie eine solche Kündigung als unangemessen betrachtete und dagegen vorgehen würde.

Meine telefonischen Abklärungen hatten dazumal ergeben, dass lediglich Frau Meierhans einen Zwist mit der Familie Gökdan hatte. Weitere Mieter waren nicht involviert. Herr Faltstein hatte zugegeben, mit der angedrohten Kündigung voreilig gehandelt zu haben. Ihm war erst nach dem Telefongespräch mit mir aufgefallen, dass er selbst gar kein Problem mit der Familie Gökdan hatte.

Ich schlug ihm vor, anstelle einer zuerst angedachten Mediation zwischen der Familie Gökdan und ihm, doch besser eine Mediation zwischen Frau Meierhans und der Familie Gökdan anzusetzen. Wir sollten versuchen, zwischen diesen Nachbarn zu vermitteln. Er hatte dankbar zugestimmt. Er konnte auch Frau Meierhans überzeugen, an einer solchen Mediation teilzunehmen. Ausschlaggebend war gewesen, als sie gehört hatte, dass der Herr von Klarau, dieser Adelsherr, die Vermittlung übernehmen würde. Ich wusste nicht, was sie sich vorstellte, aber offenbar setzte sie mich auf eine Stufe eines Mitgliedes der Königshäuser, über deren Leben sie bestimmt in den einschlägigen Illustrierten las. Dabei hatte ich lediglich den Namen meiner Frau angenommen.

Leider konnte die Mediation, die zu Jahresbeginn angesetzt war, nicht durchgeführt werden. Der Unfall von Frau Meierhans im Dezember hatte dies verunmöglicht. An eine Mediation war dazumal vorerst nicht mehr zu denken. Keine der Parteien war offenbar so unter Druck, dass der Konflikt unmittelbar mit Hilfe einer Mediation angegangen werden musste. So hatten wir die Mediation auf unbestimmte Zeit vertagt. Als ich lange Zeit nichts mehr von den Parteien hörte, ging ich davon aus, dass sich das Ganze wundersam eingerenkt hätte und eine Mediation nicht mehr notwendig sein würde. Vor gut drei Wochen hatte mich Herr Faltstein jedoch wieder angerufen und den Fall in Erinnerung gerufen. Offenbar hatte sich Frau Meierhans einmal mehr über den Lärm der Familien Gökdan beschwert und Herrn Faltstein kontaktiert.

Ich machte die übliche Eröffnung und erklärte den drei Anwesenden den Ablauf der Mediation und versicherte mich nochmals, dass alle auch mitmachen wollten.

Frau Gökdan meinte: „Ich finde das gut, wenn man miteinander spricht. Bis anhin hatte ich ja diesbezüglich keine Möglichkeiten. Das gibt mir die Chance zu erfahren, wann und wo genau meine Jungs über die Stränge schlagen und darauf zu reagieren“, und direkt an Frau Meierhans gerichtet, „Wissen Sie Frau Meierhans, ich habe keine Vorstellung, was sie konkret stört. Ich habe nur mal was gehört, dass meine 3 Jungs im Treppenhaus zu laut gewesen sein sollten und dass sie auch ihre Fahrräder irgendwann nicht ordentlich hingestellt hatten. Also ich möchte das schon konkret wissen, denn es ist mir sehr wichtig, dass sie sich ordentlich benehmen, glauben Sie mir.“ Sie sagte dies mit Nachdruck.

«Danke Frau Gökdan für das Angebot an Frau Meierhans, den Sachverhalt zu erläutern. Ist es für Sie alle ok, wenn wir zuerst unsere Rollen bei dieser Mediation klären und wir dann in die Themen eintauchen?».

Ich sah ein allgemeines Nicken.

«Meine Rolle als Mediator haben ich Ihnen allen während unserem Telefonat erläutert. Sie Frau Meierhans und Sie Frau Gökdan vertreten Ihre Positionen und erläutern Ihre Interessen.

Ich richtete das Wort an Herrn Faltstein: „Können Sie bitte den Damen noch Ihre eigene Rolle in dieser Mediation erläutern Herr Faltstein.“

Herr Faltstein sagte mit einer nervösen Stimme: „Gut, gut, ja mache ich. Also, wissen Sie meine Damen, ich bin hier, in Absprache mit Herrn von Klarau, als Zuhörer oder so. Ich…ähm…halte mich mal zurück. Ich unterstütze diesen Prozess, ich finde das eine gute Sache. Daher habe ich das auch vorgeschlagen, müssen Sie wissen. Ich habe gut Erfahrungen gemacht. Also ich bin da nicht Partei, müssen Sie wissen.“

„Sie haben mir aber immer versichert, dass Sie mich verstehen, Herr Faltstein“, sagte Frau Meierhans mit empörter Stimme, „Sie haben gesagt, Sie werden für eine Lösung sorgen. Sie haben gesagt jedes Problem hat eine Lösung!“

„Ähm…ja, doch, ja…das ist schon so und daher sind wir hier, da ich an eine Lösung glaube“, er schaute mehr Frau Gökdan als Frau Meierhans an und suchte dann meinen Blick.

Ich wandte mich in Richtung Frau Meierhans: „Nun, Frau Meierhans, danke für das Stichwort. Welche Probleme sprechen Sie an? Bitte sagen Sie einfach mal frisch von der Leber weg, was sie beschäftigt. Das interessiert mich wirklich.“

Ich nickte ihr aufmunternd zu.

Sie hielt sich an ihrer Tasche fest und schaute rasch rüber zu Frau Gökdan, als ob sie sich versichern wollte, dass der Abstand auch gross genug war.

„Wenn Sie meinen, Herr von Klarau. Wissen Sie, ich habe ja sonst nichts gegen Ausländer“, begann Frau Meierhans zögerlich, „aber wer würde es einem verübeln, wenn jemand Nachbarn hat, die sich nicht an die Gepflogenheiten des Landes halten und daher Probleme bereiten? Ich meine, ich lese immer wieder in der Zeitung über diese Leute. Gerade gestern war in meiner Tageszeitung ‚Aug am Abend‘ wieder eine Meldung, wo eine ältere Frau in ihrer Wohnung überfallen wurde und wie kann es anders sein, auch da waren es irgendwelche Ausländer. Sie müssen zugeben, die Zeitungen sind voll davon und dann muss doch auch was dran sein. Meinen Sie nicht auch? Die würden das ja sonst auch nicht schreiben. Man kann nicht vorsichtig genug sein heutzutage, oder? Ich kann mich noch erinnern, als wir früher die Wohnungstüren nie abgeschlossen haben, stellen Sie sich das vor! Können Sie sich das heute noch vorstellen?“

Sie schaute mich herausfordernd an und fuhr fort, “gut, Sie sind ja von hier, Herr von Klarau, Sie verstehen mich sicher. Und diese Gewalttätigkeit dieser Frauen und Männer! Ich meine, es sind ja nicht mal mehr nur die Männer! Ich frage Sie, was ist hier los? Selbst diese ausländischen Frauen sind offenbar gewaltbereit. Da werden gleich die Fäuste genommen und Messer und diese Maschinenpistolen! Nur mal anschauen und schon wird man umgebracht».

Sie seufzte tief, «Ich war letzthin im Bus, da sass ich auf meinem Platz, wie immer, und da hat mich so ein ausländisch aussehender Jugendlicher beobachtet. Ich wusste, der wollte an mein Geld. Es ist dann nichts passiert, aber auch nur, weil ich zwei Stationen vor meiner Zielstation ausgestiegen bin. Zum Glück, der hätte mich doch abgepasst».

Frau Meierhans nestelte gedankenverloren an den Henkeln ihrer Tasche.

«Wissen Sie, ich bin aufmerksamer geworden, seit so viel passiert ist. Sie pflichten mir sicher bei, man kann nicht vorsichtig genug sein. Ich meine, ich mache den Ausländern ja auch keinen Vorwurf, die kennen das ja auch nicht anders von dort, wo sie herkommen. Das verstehe ich schon, die wachsen halt nicht so mit einem Rechtverständnis auf wie wir, und da ist halt sowas noch an der Tagesordnung. Verstehen Sie? Das kann ja nicht gut gehen, die sind einfach noch ein wenig zurück, so kulturell und ähnlich, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber damit kein falscher Eindruck entsteht, ich habe ja persönlich nichts gegen Ausländer.“

Sie machte eine Pause und schaute mich an.

Ich war baff.

Das war eine geballte Ladung von Ängsten, die Frau Meierhans teilte.

Ich wollte das Gesagte quittieren: „Verstehe ich Sie richtig, Frau Meierha….“, als sie mich unterbrach.

 „Ach ja, was ich noch sagen wollte: Der Respekt, der ist weg. Alles ist so unpersönlich. Im Treppenhaus vielleicht mal ‚Hallo‘, das war’s dann auch schon. Aber mal fragen, wie’s einem so geht? Weit gefehlt. Ich finde das schade, müssen Sie wissen. Die Fahrstuhltüre offenhalten? Weit gefehlt. Und im Bus bieten die Jungen einem auch keinen Platz mehr an.“

„Danke für die Präzisierungen Frau Meierhans“, sagte ich, „Sie haben sehr treffend beschrieben, was sie beschäftigt. Das hilft.“

Da kam ja einiges zusammen.

Ganz vorurteilsfrei war Frau Meierhans offensichtlich nicht. Sie hatte sicher schlechte Erfahrungen gemacht, aber ihre Meinung war massgeblich geprägt von den Geschichten, über die sie lass oder die sie im Fernsehen sah. Ausser dem Ärger, den ihr die Familie Gökdal verursachte, schien sie bis anhin keine wirklichen Berührungspunkte mit ‚Ausländern‘ gehabt zu haben. Das war aber nur die eine Hälfte der Geschichte. Frau Meierhans fehlte wahrscheinlich die tägliche Wertschätzung.

Wer unschuldig ist, werfe den ersten Stein. Auch ich hatte meine Vorurteile und die schlugen auch wieder gnadenlos zu, als ich Frau Meierhans sah und sie hörte. Ich wollte sie nicht verurteilen, das wäre unprofessionell und unfair gewesen. Es war ihre Wahrnehmung. Sie sah die Welt durch ihre Brille und sie hatte Ängste. Es war auch nicht meine Aufgabe, auf die Weltanschauung von Frau Meierhans Einfluss zu nehmen. Unberührt liessen mich die Aussagen jedoch nicht.

Frau Meierhans hatte viel über sich offenbart. Es ging für mich nicht darum, Ihre Ansichten zu beurteilen. Ich hatte die Parteien zu unterstützen, ihren Konflikt zu lösen. Meine Position hatte neutral zu sein. Selbstverständlich hatte ich meine Sichten und Meinungen, jedoch ging es in einer Mediation nicht um diese. Es half bereits, dass ich mir bewusst war, welche Reaktionen gewisse Haltungen und Verhalten bei mir auslösten. Wenn mir das gelang, konnte ich diese Gefühle und Gedanken auf die Seite schieben. Die Mediation konnte ich dann wieder in der Haltung der Allparteilichkeit weiterführen. Dies war nicht immer ein leichtes Unterfangen. Ich hatte Mediationen schon abgerochen, weil ich gemerkt hatte, dass ich nicht mehr neutral bleiben konnte.

Mit den Informationen von Frau Meierhans konnten wir in der Mediation arbeiten. Es zeigte sich jetzt schon deutlich, welche Interessen und Wünsche hinter den Wahrnehmungen und Bedenken von Frau Meierhans lagen.

«Ich verstehe Sie», sagte Frau Gökdan verständnisvoll.

Wir alle schauten Frau Gökdan an.

Frau Meierhans klappte die Kinnlade herunter.

Wir ahnten wohl alle, in welche Richtung sich die Mediation entwickeln würde.

(Ende des 5. Teils).

Spannende Mediations-Fälle von Klarau (4. Teil)

Mein Mediations-Kollege André Thommen hat die Idee aufgebracht, reale oder fiktive Mediations-Geschichten zu erzählen. Mit Hilfe von spannenden oder lustigen Geschichten könnte die Mediation und insbesondere die Wirtschaftsmediation einem breiteren Publikum nähergebracht werden. Mediation ist eine wunderbare Möglichkeit, Konflikte lösen zu helfen.

Die Basis meiner Geschichten bildet ein Kriminalroman, den ich 2012 unter dem Pseudonym ‚von Klarau‘ geschrieben habe. Der Hauptprotagonist im Roman ‚Schmuggelware‘ – Clement von Klarau – ist Mediator. Im Roman wird Clement ohne Zutun und Verschulden in ein Verbrechen verwickelt. Bei der Lösung des Falles helfen ihm seine Mediations-Fähigkeiten. Daneben geht er nach wie vor seiner Berufung und seinem Beruf als Mediator nach und hilft, Konfliktparteien ihre Auseinandersetzungen einvernehmlich zu lösen.

Die weiteren Episoden finden Sie hier:

1. Teil –
«Die höchste Form menschlicher Intelligenz ist, zu beobachten ohne zu bewerten»

2. Teil – «Die Kirche sagt, du sollst deinen nächsten lieben. Ich bin überzeugt, dass sie meinen Nachbarn nicht kennt.»

3. Teil – «Was du ererbst von deinem Vater hast, erwirb es, um es zu besitzen»

Ich hoffe, Sie haben ein wenig Spass beim Lesen der neusten Episode und lernen dabei vielleicht etwas Neues über die Mediation, wie Mediatoren und Coaches denken und erfahren zudem das eine oder andere «Mediations-Geheimnis».

Hinweis: Da die Originale dieser Mediations-Geschichten in ein Buch eingebettet sind, kann es sein, dass einige Passagen auf Gegebenheiten, Orte oder Menschen hinweisen, die an anderer Stelle im Buch vorkommen. Entsprechend kann der Leser ein paar Details vermissen. Ich traue jedoch den Lesern zu, evtl. fehlende Elemente mit der eigenen Fantasie zu ergänzen.


Andreas Betschart


Handlung und Personen sind frei erfunden. Sollte es trotzdem Übereinstimmungen zu lebenden oder verblichenen Personen geben, so würden diese auf jenen Zufällen beruhen, die das Leben so vorgesehen hat.


„Die Feigheit tarnt sich am liebsten als Vorsicht oder Rücksicht.“

— unbekannt

An diesem Morgen hatte ich keine Mediationstermine. Ich wollte lediglich ein paar Telefonate führen, um Abklärungen über mögliche Mediationsfälle vorzunehmen, die ich eventuell übernehmen würde. Ich hatte verschiedene Anfragen vor mir liegen. Seit in der Zivilgesetzordnung die Option eingeräumt wurde, dass auch Richter zerstrittene Parteien auf die Möglichkeit einer Mediation hinweisen konnten, hatte ich durch gute Kontakte an den Obergerichtshof von Granburg einige Fälle bekommen. In aller Regel wurde ich jedoch von den Konfliktparteien direkt angegangen, mit der Bitte, sie bei ihren Konfliktlösungen zu unterstützen.

Die meisten Leute kontaktierten mich aufgrund einer Empfehlung. Da ich viele erfolgreiche Mediationen durchgeführt hatte, war ich bekannt und die beste Werbung für meine Dienste war immer noch die Mund-zu-Mund Propaganda.

Aktuell lass ich gerade eine E-Mail, die mir ein Herr Franz Faltstein zugestellt hatte. In seiner E-Mail schilderte mir Franz Faltstein den Konflikt, den er als Vermieter mit einem Mieter ausfocht. Offenbar hatte er einer Mieterfamilie mit der Kündigung gedroht. Die betroffene Familie Gökdal hatte ihm gegenüber erwähnt, dass sie die Kündigung anfechten würde, falls es so weit käme. Das wollte er augenscheinlich vermeiden und hatte daher eine Mediation vorgeschlagen.

Der Erstkontakt neuer Kunden fand meistens via E-Mail statt. Vielfach hatten die Leute nur eine vage Vorstellung von einer Mediation und brauchten zusätzliche Informationen. In einer ersten Antwort, verwies ich immer auf die «Informationen zur Mediation», die auf meiner Webseite zur Verfügung standen. Trotz meiner Aufforderung, lasen jedoch die Wenigsten die umfangreichen Informationen, die ich zur Verfügung stellte.

Es gab auch Leute, die Mediation mit Meditation verwechselten. Das war dann jedoch eher erheiternd und für die fragenden Parteien im Endeffekt oft peinlich, wenn ich den Sachverhalt erklärte.

Aus der E-Mail von Herrn Faltstein konnte ich entnehmen, dass es sich bei der Familie Gökdal um eine türkischstämmige Familie mit drei Kindern handelte. Leyla und Nermin Gökdal mit ihren Kindern, den Mädchen Hala und Tugba sowie dem Sohn Yasar. Sie lebten seit gut einem Jahr in der Mietwohnung in Granburg Schelfgebiet, welches nahe der Industriezone lag. Ein Gebiet, welches gerade einen Bauboom erfuhr.

Es schien Konflikte gegeben zu haben zwischen der Familie Gökdal und anderen Mietern. Ich wollte keine voreiligen Schlüsse ziehen, was die Gründe dafür waren.

Ich nahm das Telefon zur Hand und wählte die Telefonnummer von Herrn Faltstein.

„Faltstein?“ hörte ich einen Mann am anderen Ende der Leitung.

„Guten Tag Herr Faltstein, hier spricht Clement von Klarau. Spreche ich mit Herrn Franz Faltstein?“

„Ah! Ja. Genau. Herr Klarau, gut gut, dass sie mich anrufen“, sagte Franz Faltstein, ohne dass er das ‚von‘ in meinem Namen aussprach.

In den allerwenigsten Fällen war es Absicht, dass die Leute meinen Namen abkürzten. Die meisten Leute meinten einfach, das ›von‹ müsse nicht ausgesprochen werden. Ein paar wenige Leute weigerten sich das ›von‹ auszusprechen, weil sie dachten, ein wichtiges Statement gegen die ‘die da oben’ zu setzen. Diese Menschen verzichteten konsequent auf alle Standesanreden wie Doktor, Direktor, Pfarrer oder sonstiger Titel. Ich selbst nutzte solche Standesanreden auch nicht mehr. Ich fand diese antiquiert. Mit Namen war es jedoch was anderes. Mich störte es, dass es Leute gab, die meinen Namen abkürzten. Es war ja nicht so, dass ich mir dadurch einen Vorteil erkaufen konnte. Es war einfach mein Name, präziser, es war der Name, den ich von Felica, meiner Frau, angenommen hatte.

Herr Faltstein hüstelte.

„Ich habe Ihnen gestern ein Mail geschrieben, gut gut“, sagte er.

„Ich habe die E-Mail bekommen“, sagte ich.

„Gut gut. Haben Sie verstanden, um was es so in etwa geht?“ fragte Franz Faltstein.

„Noch nicht ganz, ich wäre froh, wenn Sie mir nochmals kurz erläutern können, um was es sich genau handelt und wie sie mit der Familie…“, ich machte eine Pause.

„Gökdal“, sagte Herr Faltstein schnell,

„Ja, genau, wie sie mit der Familien Gökdal bezüglich Mediation verblieben sind“, beendete ich den Satz.

„Na wissen Sie, das ist kompliziert“, druckste er herum. „Moment, ich muss nur rasch die Tür schliessen, bleiben Sie einen Moment dran“, ich hörte, wie er den Hörer auf den Tisch legte und wie sich im Hintergrund eine Tür schloss.

„Sind sie noch da?“, fragte er mich.

„Ja“, erwiderte ich.

„Gut gut. Also die Familie Gökdal. Ist ja eigentlich nicht so schlimm die Familie. Aber in der letzten Zeit häuften sich die Beschwerden einiger Mitbewohner im Block. Ich weiss ja auch nicht so recht, Herr Klarau aber die Situation ist kompliziert. Sie verstehen?“

Ich half ihm nicht: „Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen, Herr Faltstein.“

„Gut gut. Wie erklär ich das, tja, ich selbst habe ja nichts gegen die Familie, wie auch, schliesslich habe ich ihnen ja auch die Wohnung vermietet. Also das heisst, mir kann man nicht vorwerfen, dass ich Ausländer benachteilige. Wahrlich nicht. Nur wissen Sie, die anderen Mieter…»

Franz Faltstein druckste rum und wand sich.

«Ich selbst habe da keine Probleme, ich wohne ja auch nicht in den Wohnblöcken und wenn auch, ich bin da sehr aufgeschlossen und liberal, aber wissen Sie, hier geht es auch ums Geschäft», fuhr er weiter fort.

Er redete um den heissen Brei und das ärgerte mich. Franz Faltstein sprach zudem konsequent meinen Namen falsch aus.

«Von Klarau», sagte ich.

«Wie bitte?», fragte er irritiert.

«Von Klarau ist mein Name», sagte ich und betonte das ‘von’.

«Oh», sagte Herr Faltstein, «tut mir leid, ich dachte, das spricht man wie bei einem Doppelnamen nicht mit aus. Ich war mir dessen nicht bewusst. Gut gut, ich werde mir das merken, Herr von Klarau, nichts für ungut, nichts für ungut.»

«Danke», sagte ich lediglich und grübelte über die Situation der Familie Gökdal nach.

„Hallo, hallo? Herr von Klarau? Sind Sie noch dran?“ hörte ich Franz Faltstein fragen.

„Bin ich, bin ich“, sagte ich.

„Gut, gut. Nun denn, was machen wir jetzt? Können Sie da vermitteln?“ fragte er.

„Ist Ihnen ein Mediationsverfahren bekannt und was mein Beitrag in einem solchen Fall sein kann?“, fragte ich.

Die Erwartungshaltungen waren zum Teil dahingehend, dass die Parteien hofften, dass ich für sie das Problem löste oder einen salomonischen Entscheid fällte. Ich musste sie dann jeweils aufklären, dass sie genau das von mir nicht erwarten konnten. Ich erläuterte ihnen dann Schritt für Schritt den Ablauf und erklärte, dass sie sehr wohl auf meine Hilfe zählen konnten, diese jedoch darin bestand, dass ich sie aufgrund meiner Erfahrung und mit Hilfe von Mediations-Techniken anleitete, Lösungen selbst zu erarbeiten. Es leuchtet ihnen in der Regel ein, wenn ich ihnen erklärte, dass sie als direkt Betroffene wohl am besten Lösungen finden konnten. Die Eigenverantwortlichkeit der Parteien war einer der Grundpfeiler der Mediation.

Franz Faltstein sagte: „Doch doch, ich habe mal an einer Mediation teilgenommen, als ich mich von meiner Frau getrennt habe.“

„Gut gut“, sagte ich versehentlich, „Ich meine, schön, schön“, setzte ich nach.

Verdammt, ich musste mich konzentrieren und sagte: „Ich meine, es ist toll, dass Sie schon mal eine Mediation durchgeführt haben. Ich meine der Anlass war sicher nicht toll“, ich hätte mich schlagen können, bezüglich des Blödsinns, den ich verzapfte.

Ich versuchte es nochmals: „Was ich sagen wollte: Ich finde es wunderbar, dass ich Ihnen demzufolge nicht alles über eine Mediation erklären muss, auch wenn es sich hier um eine leicht andere Art der Mediation handelt.“

„Wenn Sie einverstanden sind, telefoniere ich später mit der Familie Gökdal und werde sie ebenfalls fragen, ob oder was sie von der Mediation kennen. Auch was die Familie sich damit erhofft. Geht das in Ordnung Herr Faltstein?“

„Ja, gut gut, das ist gut“, sagte er.

„Noch etwas Herr Faltstein, inwieweit haben Sie mit den anderen Mietern, die Sie erwähnt haben, über die Möglichkeit einer Mediation gesprochen?“

„Mit den anderen Mietern?“, fragte mich Franz Faltstein überrascht.

„Ja, mit den anderen Mietern“, sagte ich.

„Gar nicht, warum sollte ich?“, fragte er.

„Wie Sie mir ja vorhin sehr schön geschildert haben, sind es ja nicht Sie, der ein Problem mit der Familie Gökdal hat, sondern offensichtlich andere Mitbewohner im Block“, half ich nach.

„Ah! Tatsächlich, ich weiss, was Sie meinen Herr Klarau, ich weiss, was Sie meinen. Da ist tatsächlich so. Ich weiss gar nicht so recht, was die zwei anderen Mieter überhaupt an der Familie Gökdal stört. Habe zwar zwei oder drei Telefonate bekommen und auch ein paar E-Mails aber das alles war recht zusammenhangslos. Wenn Sie verstehen, was ich meine, verstehen Sie?“, sagte er.

Ich hatte keine Ahnung, was er meinte und fragte bloss: „Wie viele Parteien wohnen in dem betreffenden Block Herr Faltstein?“

„Hm, lassen Sie mich kurz nachschauen“, ich hörte ihn kurz in irgendwelchen Dokumenten blättern und im Hintergrund ein ‚gut gut‘ murmeln, dann war er wieder am Telefon: «Zwölf Parteien“, sagte er.

„Zwölf Parteien, zwölf Wohnungen. Danke. Geh ich richtig in der Annahme, dass es zwei Mieter aus diesem Block waren, die sich demzufolge über die Familie Gökdal beschwerten?“ fragte ich.

„Genau, so ist es, ist es“, sagte er.

„Also, von diesen zwei Parteien, von denen Sie auch Beschwerden haben, gibt es hier materielle Unterschiede?“

„Materielle Unterschiede? Was meinen Sie damit?“ fragte er verwirrt.

„Entschuldigen Sie, dass ich mich unklar ausgedrückt habe. Ich möchte wissen, über was sich die Parteien enervieren. Geht es bei beiden ums Gleiche? Um den Lärm? Die Abfallentsorgung? Um was geht es bei den Ihnen bekannten Beschwerden?“ fragte ich.

„Gut gut, ich weiss, was Sie meinen, Herr von Klarau. Nun es ist so, dass vor allem Frau Meierhans im dritten Stock sich über den Lärm der Familie Gökdal beschwert. Sie sagt, die Kinder seien laut. Alsdann steht hier – ich habe die Passagen markiert – dass sie sich über das ständige Kommen und Gehen ärgere. Offensichtlich bekommt die Familie Gökdal oft Besuch. Auch ortet sie eine gewisse Unordnung im Treppenhaus und es schleichen sich auch zwielichtige Gestalten um den Block rum, meint Frau Meierhans; nicht ich!“

Ich sagte nichts.

„Sind sie noch da?“, fragte mich Herr Faltstein.

„Voll aufmerksam“, sagte ich.

„Gut gut. Und die zweite Beschwerdeführerin – sagt man dem so? – nun dies ist Frau Moons. Sie hat sich nur einmal darüber beschwert, dass die Fahrräder der Gökdal-Kinder auf ihrem Parkplatz abgestellt waren. Sehen Sie hier den von Ihnen erfragten materiellen Unterschied?“ fragte er mich.

Ich beantwortete ihm seine Frage nicht, sondern stellte eine Gegenfrage: „Habe ich Sie richtig verstanden, dass diese Frau Moons sich nur einmal über die Familie Gökdal beschwert hatte? Nämlich wegen der Fahrräder der Kinder?“, fragte ich.

„Korrekt, korrekt. Einmal, und das sagte Sie mir, als ich zufällig unten in der Tiefgarage zugegen war“, sagte Herr Faltstein. „Ich hatte es auch gesehen. Da standen, nein vielmehr lagen, zwei Fahrräder auf ihrem Parkplatz. Die Veloabstellfläche ist gleich daneben, wissen Sie, gleich daneben.“

„Und wie viele Beschwerdeschreiben und Telefonate haben Sie von Frau Meierhans bekommen?“ hakte ich nach.

„Puh“, er lachte verlegen, „da fragen sie mich aber was. Viele.“

„Herr Faltstein, darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Sie sind ja der eigentliche Prellbock in der ganzen Geschichte. Alle kommen zu Ihnen und erwarten, dass Sie die nachbarschaftlichen Konflikte lösen“, sagte ich verständnisvoll.

„Genauso ist es Herr von Klarau. Gerne höre ich Ihren Vorschlag“, seufzte er.

„Gut gut“, sagte ich und biss mir auf die Zunge.

Nicht schon wieder, langsam übernahm ich seine Ausdrucksweise.

„Ich meine, schön, schön», sagte ich kläglich.

Ich hustete und fuhr konzentrierter fort: «Ich schlage Ihnen Folgendes vor: Frau Meierhans, Herr oder Frau Gökdal – oder auch beide Ehepartner – kommen zu mir. Was halten Sie davon, wenn Sie auch dabei sind Herr Faltstein. Sie sind ja so etwas wie der ‚Man in the middle‘.“

„Der was bin ich?“, fragte Franz Faltstein.

„Sie sind derjenige zwischen Hammer und Amboss, sie stehen zwischen Tür und Angel?“, sagte ich mehr fragend.

„Gut gut. Ich weiss, was Sie meinen, genau das oder der bin ich“, sagte er seufzend.

„Daher ist es gut, wenn Sie auch dabei sind. Ihre Rolle beschränkt sich jedoch hauptsächlich auf das Zuhören. Den Rest der Gesprächsführung dürfen Sie mir überlassen“, sagte ich.

„Gut gut“, sagte er, „das würde ich sehr schätzen.“

„Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt mit Frau Meierhans“, fragte ich, „ich meine telefonisch oder persönlich?“

„Anfangs letzter Woche. Ich habe ihr da versprochen, mich um die Sache zu kümmern. Habe dann das mit der Kündigung für die Familie Gökdal in Betracht gezogen. Als ich Frau Gökdal mit der Möglichkeit konfrontiert habe, hat sie harsch reagiert. So, wie ich es Ihnen in meiner Mail geschildert habe. War gar nicht gut, gar nicht gut. Da bin ich dann ja auch erst auf die Idee mit Ihnen gekommen“, sagte er.

„Sehr gut Herr Faltstein“, sagte ich, „was meinen Sie, können Sie Frau Meierhans überzeugen, wenn Sie jetzt gleich anrufen würden, an einem Gespräch mit mir, Ihnen und der Familie Gökdal zu partizipieren?“ fragte ich.

„Ich denke schon, denke schon“, sinnierte Franz Faltstein, „ich meine, mit der Familie Gökdal würde sie wahrscheinlich am liebsten nicht sprechen, soviel ich weiss, hat sie das auch noch nie gemacht, aber wenn ich dabei bin und dann sogar Sie Herr Klarau. Ich meine, Sie sind ja fast so was wie ein Graf oder Herzog oder wie man das früher nannte. Da sagt Frau Meierhans bestimmt nicht nein.“

Na, das konnte ja heiter werden, wenn es zu einer Mediation kam und das Verhalten von Frau Meierhans so war, wie ich es mir vorstellte.

„Sehr gut Herr Faltstein, dann schlage ich vor, Sie rufen Frau Meierhans an und unterbreiten ihr die Idee einer Mediation wie besprochen. Ich werde wie vereinbart die Familie Gökdal anrufen und sie über das Verfahren informieren. Dann kann ich auch in Erfahrung bringen, wer von der Familie Gökdal bei einer eventuellen Mediation zugegen sein wird.“

„Gut gut. So machen wir das“, Franz Faltstein schien hellauf begeistert.

„Noch was Herr Faltstein“, sagte ich, „bleibt es dabei, dass Sie die Mediationsauslagen begleichen, so wie Sie mir in Ihrer E-Mail auch angekündigt haben?“

„Ich denke schon, denke schon oder was meinen Sie“, fragte er mich.

„Ich denke, das ist ein guter Entscheid. Wenn wir erfolgreich sind, Herr Faltstein, erspart Ihnen das viel Ärger und schlussendlich auch Geld. Ich gehe davon aus, das war ja auch eine Ihrer Überlegungen?“ gab ich ihm eine Hilfestellung.

„Genau! Das war auch bei meiner Scheidung der Fall“, sagte er, „letztendlich haben wir uns im Rahmen einer Mediation geeinigt, meine Ex-Frau und ich. Wer was bekommt und so. Ich bin froh, dass wir dazumal nicht vor Gericht streiten mussten. Wir hatten die Vereinbarung schon ausgearbeitet und konnten diese nur noch vorlegen. War wirklich eine gute Sache. Ging ganz schnell. Ich habe eine neue Frau, wissen Sie.“

„Das freut mich zu hören, Herr Faltstein und sehen Sie“, sagte ich, „wir zwei können schon mal von positiven Erfahrungen sprechen und davon ausgehen, dass wir auch in diesen Fall eine für alle Parteien zufriedenstellende Lösung finden.“

Ich fuhr fort: „Der Mediationsvertrag ist jedoch von allen drei Parteien, das heisst von Frau Meierhans, Herr oder Frau Gökdal und Ihnen zu unterschreiben. Je nachdem, können wir das vor einer ersten Sitzung machen oder auch anlässlich einer ersten Besprechung. Wichtig ist vorerst, dass ich von Ihnen oder Frau Meierhans höre, dass Frau Meierhans auch mitmacht. Es liegt jetzt an Ihnen, Herr Faltstein“, sagte ich aufmunternd.

„Gut gut“, sagte er, „das kriege ich hin, das ist eine gute Sache, gute Sache.“

„Wunderbar“, sagte ich, „dann rufen Sie mich bitte wieder an oder schreiben mir eine E-Mail, sobald Sie einen positiven Bescheid von Frau Meierhans haben. Wir können dann über die weiteren Termine sprechen.“

„Gut, gut“, sagte Franz Faltstein, „mache ich, mache ich.“

Er zögerte: „Wissen Sie was Herr von Klarau, das Telefongespräch ist jetzt ganz anders herausgekommen, als ich mir gedacht habe. Aber ich sage Ihnen, ich habe ein gutes Gefühl dabei.“

Ich stand auf und wechselte den Hörer ans andere Ohr: „Habe ich auch Herr Faltstein“, sagte ich bestimmt. Wenn ich stand, konnte ich eine Aussage am Telefon verstärken. Dies war hilfreich, wenn es darum ging, jemanden zu überzeugen oder in seiner Meinung zu bekräftigen.

„Gut gut. Dann bis später Herr von Klarau und vielen Dank“, sagte Franz Faltstein.

„Gern geschehen, auf Wiederhören Herr Faltstein“, sagte ich.

„Auf Wiederhören Herr Klarau“, hörte ich ihn noch sagen.

Echt jetzt? Ich legte ein wenig gereizt den Hörer auf.

(Ende des 4. Teils).

Spannende Mediations-Fälle von Klarau (3. Teil)

Mein Mediations-Kollege André Thommen hat die Idee aufgebracht, reale oder fiktive Mediations-Geschichten zu erzählen. Mit Hilfe von spannenden oder lustigen Geschichten könnte die Mediation und insbesondere die Wirtschaftsmediation einem breiteren Publikum nähergebracht werden. Mediation ist eine wunderbare Möglichkeit, Konflikte lösen zu helfen.

Die Basis meiner Geschichten bildet ein Kriminalroman, den ich 2012 unter dem Pseudonym ‚von Klarau‘ geschrieben habe. Der Hauptprotagonist im Roman ‚Schmuggelware‘ – Clement von Klarau – ist Mediator. Im Roman wird Clement ohne Zutun und Verschulden in ein Verbrechen verwickelt. Bei der Lösung des Falles helfen ihm seine Mediations-Fähigkeiten. Daneben geht er nach wie vor seiner Berufung und seinem Beruf als Mediator nach und hilft, Konfliktparteien ihre Auseinandersetzungen einvernehmlich zu lösen.

Die beiden ersten Episoden finden Sie hier:

1. Teil –
«Die höchste Form menschlicher Intelligenz ist, zu beobachten ohne zu bewerten»

2. Teil – «Die Kirche sagt, du sollst deinen nächsten lieben. Ich bin überzeugt, dass sie meinen Nachbarn nicht kennt.»

Ich hoffe, Sie haben beim Lesen der dritten Episode ein wenig Spass und lernen dabei vielleicht etwas Neues über die Mediation, wie Mediatoren und Coaches denken und erfahren zudem das eine oder andere «Mediations-Geheimnis».

Hinweis: Da die Originale dieser Mediations-Geschichten in ein Buch eingebettet sind, kann es sein, dass einige Passagen auf Gegebenheiten, Orte oder Menschen hinweisen, die an anderer Stelle im Buch vorkommen. Entsprechend kann der Leser ein paar Details vermissen. Ich traue jedoch den Lesern zu, evtl. fehlende Elemente mit der eigenen Fantasie zu ergänzen.


Andreas Betschart


Handlung und Personen sind frei erfunden. Sollte es trotzdem Übereinstimmungen zu lebenden oder verblichenen Personen geben, so würden diese auf jenen Zufällen beruhen, die das Leben so vorgesehen hat.


Goethe als Mediator?

„Was du ererbt von deinem Vater hast, erwirb es, um es zu besitzen.“

— Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Vers 682f

«Was erlauben Sie sich! Was glauben Sie eigentlich Herr Lahr, wer Sie sind?! Seit sieben Generationen befindet sich das Unternehmen Wotlow in Besitz MEINER Familie. Ich trage nicht umsonst diesen Namen. Ich bin eine Wotlow! Da können Sie doch nicht behaupten, dass mein Vater Sie als Nachfolger vorgesehen hat!“ brüllte Sabine Wotlow ihr Gegenüber Philipp Lahr an. Ohne Philipp Lahr Zeit für eine Erwiderung zu geben, fuhr Frau Wotlow aufgebracht fort: „Schön für Sie, dass Sie seit 20 Jahren Meister im Betrieb sind und danke Ihnen für Nichts. Klar haben Sie meinen Vater unterstützt. Ha! Zum Guten war es eh nicht und jetzt ist Schluss. SIE fahren meine Firma nicht an die Wand. Ich bin jetzt rechtmässige Geschäftsführerin, die Erbengemeinschaft hat mich eingesetzt. Jetzt bin am Ruder und nicht Sie!“

„Dies ist lediglich Ihr persönlicher Feldzug gegen mich Frau Wotlow! Sie wollen mich schlicht und einfach fertigmachen“, ereiferte sich der 53-jährige Philipp Lahr.

Ich hatte diesen Morgen eine Mediationssitzung im Kaminzimmer. Zwei Stunden waren vorgesehen, 10.30 Uhr bis 12.30 Uhr. Es war bereits 11.30 Uhr und der Schlagabtausch war in vollem Gange. Wobei sich die Argumentationen mittlerweile wiederholten und sich die Positionen immer mehr verhärteten. Das war in der Mediation nicht mal so selten, vor allem zu Beginn. Wichtig für die Lösungsentwicklung war, dass sich die Parteien der Interessen gewahr wurden, die hinter den verschiedenen Positionen standen. Sowohl der eigenen Interessen, als auch der Interessen der anderen Partei.

Es ging als Mediator auch darum, den Parteien Raum für Emotionen zu geben und nicht dem Drang nachzugeben, sofort schlichten zu müssen. Ein Gewitter konnte auch reinigend wirken. Oft wurde von den Mediationsparteien die Gelegenheit wahrgenommen, ihren Frust und Ärger im Beisein des Mediators auszudrücken. Manchmal wurde die Wut über die andere Partei auch dem Mediator erzählt und die anwesende Gegenpartei in der dritten Person angesprochen.

Und prompt richtete Frau Wotlow das Wort an mich: «Sehen Sie Herr von Klarau? Genau das meine ich. Verstehen Sie mich jetzt? Herr Lahr ist völlig uneinsichtig. Er merkt gar nicht, dass er alles nur noch schlimmer macht und unhaltbare Vorwürfe in’s Feld führt.».

Dies war nun die Gelegenheit, meinerseits zu intervenieren, da ich direkt angesprochen wurde. Ich konnte Frau Wotlow fragen, was sie so betroffen gemacht hatte oder was ihr in Bezug auf die Firma wirklich wichtig war. Meine Absicht war, das Gespräch in die Richtung ihrer Interessen, Wünsche und Bedürfnisse lenken.

Ich verpasste den Moment und meinen Einsatz.

«Sie wollten mich bereits am ersten Tag, als Sie hier das Ruder an sich gerissen haben aus der Firma werfen! Ihr Vater hat mich als Nachfolger für die Weiterführung der Geschäftstätigkeit der Firma Wotlow vorgesehen. Leider ist er gestorben, bevor er sein Testament anpassen konnte. Und er wusste auch, warum er Sie nicht in der Firma haben wollte! Wir sind eine Traditionsschreinerei und keine Schickimicki-Möbel-Manufaktur!“, knurrte Philipp Lahr.

Philipp Lahr bebte vor Wut: “Sie mit Ihren akademischen Ideen, Ihrem hochtrabendem Consulting-Gebrabbel von Effizienzsteigerung, Nischenmärkten und Unic-Selling-Propoirgendwas. Ihr Vater ahnte bereits damals, dass Ihre abstrusen Vorstellungen das Traditionsunternehmen an die Wand fahren würde. Ruinieren würden Sie das Familienunternehmen! Sie sind ja völlig realitätsfremd, Frau Wotlow, völlig realitätsfremd sag ich Ihnen! Und nur, weil Sie studiert haben, meinen Sie nun, Sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen. Zudem verbitte ich mir……“

Frau Wotlow unterbrach ihn hitzig: „ICH habe innovative Ideen, SIE haben antiquierte Vorstellungen. Haben Sie bemerkt, Sie Oberschlauschreiner, der das Geschäft ja so gut versteht, dass unser Marktanteil seit gut 10 Jahren kontinuierlich abgenommen hat? Was denken Sie, warum mein Vater seit längerem um die Existenz der Firma kämpfen musste? Wir sind kein Weltkonzern wie derjenige mit den vier Buchstaben, der aus Schweden kommt und Elche röhren lässt, Herr Möchtegern-Chef. Wir sind eine mittelständische Möbelschreinerei, die hier lokal verankert ist, und wir müssen uns Gedanken ums Überleben machen und das bedingt auch Einschnitte in unser heutiges Geschäftsmodell!“

„Geschäftsmodell?! Wenn ich das schon höre, wird mir schlecht! Können Sie nicht so sprechen, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist? Hören Sie sich mal selbst zu!“, brüllte Lahr.

Die Zwei kämpften mit harten Bandagen und ich liess sie vorerst gewähren. Die Energie musste erst verpuffen. Irgendwann würde sich Frau Wotlow oder Herr Lahr erneut an mich richten, mit einem weiteren: ‚Sehen Sie Herr von Klarau! Genau das meine ich‘. Wahrscheinlich nicht wortwörtlich aber sinngemäss. Dann würde ich wieder versuchen, dem Ganzen eine neue Richtung zu geben. Bis dahin hörte ich aufmerksam zu und erhielt dabei viele Informationen über die Befindlichkeiten der Parteien.

Ich hatte mich im Vorfeld über den Fall bzw. die Firma informiert. Zudem war dies bereits das zweite Gespräch. Im ersten Gespräch, das wir vor gut einer Woche geführt hatten, hatte ich Frau Wotlow und Herrn Lahr die Mediation und das Vorgehen erläutert. Beide hatten aufgrund der Bitte der restlichen Erbengemeinschaft eingewilligt, an einer Mediation teilzunehmen. Die erste Besprechung war zwar in einer eher unterkühlten Atmosphäre, jedoch grösstenteils ruhig verlaufen.

Die weiter zurückliegende Geschichte der Firma war für die Mediation nicht von wesentlicher Bedeutung. Gleichwohl war sie faszinierend. Wotlow war ein Unternehmen, das sich seit Generationen im Familienbesitz befand. Es war eine beeindruckende Firmengeschichte. Ich kannte nicht mehr viele Unternehmen in Granburg, die seit Generationen im Familienbesitz waren. Im vorliegenden Fall war nun ein Kampf um die Nachfolge entbrannt. Ich wusste aus dem Aktenstudium und aus Telefonaten, was in der Firma vorgefallen war. Die familiären Verhältnisse waren mir aus dem ersten Gespräch mit Frau Wotlow und Herr Lahr in groben Zügen bekannt.

Schon sieben Generationen der Wotlows kümmerten sich um den Fortbestand der Möbelschreinerei. Karl Wotlow stellte die siebte Generation, als er in den achtziger Jahren, die Schreinerei übernahm. Derzeit hatte sie knapp 15 Mitarbeitende und arg zu kämpfen in einem anspruchsvollen Markt. Nicht nur der von Frau Wotlow erwähnte Grosskonzern aus Schweden mit vier Buchstaben, auch das Do-it-Yourself der Baumärkte grub der Firma Wotlow das Wasser ab. Mehrfach in der Geschichte der Firma, konnte der Konkurs nur knapp abgewendet werden. Jedes Mal konnte der alte Wotlow das Ruder nochmals rumreissen.

Karl Wotlow hatte drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Genügend Optionen also, dass jemand die Familientradition weiterführen konnte. Unglücklicherweise starb der eine Sohn mit zwanzig bei einem Motorradunfall. Der zweite Sohn hatte zwar eine Schreinerlehre begonnen, diese jedoch abgebrochen und sich entschlossen, wieder zur Schule zu gehen und Medizin zu studieren. Dieser Sohn, Per, hatte sich während seiner Lehre im familieneigenen Betrieb mit seinem Vater zerstritten. Per, war mittlerweile 29 Jahre alt und stand kurz vor Abschluss seines Medizinstudiums. Er hatte nie mehr Interesse bekundet, das Unternehmen zu übernehmen, sehr zum Leidwesen seines Vaters Karl Wotlow.

Sabine Wotlow zeigte Freude an der Schreinerei und am Beruf. Nur hatte der alte Karl sich gewünscht, einer seiner Söhne hätte dieses Engagement. Sabine Wotlow hatte einen schweren Stand bei ihrem Vater. Sie wurde nie gleich behandelt oder vielmehr nicht für gleich fähig befunden, wie seine Söhne, einen solchen Schreinereibetrieb führen zu können. Nachdem sich ihr jüngerer Bruder, unter dem Einfluss des Vaters, schon früh für die Lehre im Familienbetrieb entschlossen hatte, war für Sabine Wotlow dieser Weg vorerst versperrt geblieben. Sie hatte stattdessen Betriebswirtschaft studiert und ihre Abschlussarbeit beschäftigte sich mit Marketingstrategien einer mittelständischen Schreinerei. Offensichtlich hatte der Vater diese Arbeit seiner Tochter auch gelesen und wie sein Schreinermeister Philipp Lahr, die Ideen als Verrücktheiten abgetan.

Sabine Wotlow war 34 Jahre alt, geschieden und alleinerziehende Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Mit dem überraschenden Tod ihres Vaters, wollte Sabine Wotlow ihr im Studium und in einem Industrieunternehmen erworbenes Wissen in den Familienbetrieb einbringen. Von der familiären Erbengemeinschaft, bestehend aus ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihr selbst, wurde sie auch als vorübergehende Geschäftsführerin eingesetzt.

Klaus Wotlow hinterliess ein Testament, das seine Kinder auf den Pflichtteil setzte und den Rest seiner Frau bedachte. Dieses Testament war vor 25 Jahren datiert, nichtsdestotrotz gültig. Da zählte auch nicht, dass die Belegschaft der Firma Wotlow die Aussagen von Philipp Lahr bestätigte, dass der alte Karl Wotlow in den letzten zwei Jahren Philipp Lahr als sein Nachfolger aufgebaut und ihm grosse Entscheidungskompetenzen zugeschanzte hatte.

Bitter enttäuscht äusserte sich Philipp Lahr in der Sitzung darüber, dass Karl Wotlow ihm dazumal versprach, ihn als Dank für die geleisteten Dienste, in einem neuen Testament zu berücksichtigen. Karl Wotlow hatte dies offenbar unterlassen oder keine Zeit gefunden, den Passus der Nachfolge in einem neuen Testament festzuhalten. Philipp Lahr äusserte in der Mediation sogar den Verdacht, dass sehr wohl eine aktualisierte Version des Testaments existieren könnte, aber gar nicht alle Betroffenen ein Interesse hätten, das ein solches überhaupt gefunden würde. Er rettete sich vor einer direkten Anschuldigung an die Adresse von Frau Wotlow damit, dass er erwähnte ›ohne jemand Bestimmtes im Kopf zu haben‹. Den Anwesenden war aber klar, was er damit sagen wollte. Entsprechend reagierte Frau Wotlow geharnischt und verbat sich eine solche Unterstellung.

Die ganze Situation war vor Wochen eskaliert, als Sabine Wotlow Philipp Lahr unterstellte, seine Kompetenzen beim Kauf einer Drechselmaschine überschritten zu haben. Philipp Lahr reagierte heftig. Er warf Sabine Wotlow vor, ihn aus dem Betrieb treiben zu wollen. Zum Eklat kam es im Unternehmen, als Frau Wotlow Philipp Lahr aus ‚wirtschaftlichen Gründen‘ kündigte, worauf er diese Kündigung anfocht.

Die Mutter und der Bruder von Sabine Wotlow überzeugten die zwei Streithähne, eine Mediation zu versuchen. Die Mutter war der Ansicht, dass ein gemeinsamer Nenner vorhanden war: Der Fortbestand des Unternehmens. Ob sich die Zwei wieder verstehen würden oder nicht, stand nicht im Zentrum. Eine gütliche Trennung konnte ein Lösungsweg sein. Auch dies konnte als erfolgreiche Mediation verstanden werden. Ob dies eine Option war, mussten jedoch Frau Wotlow und Herr Lahr, mit meiner Unterstützung, erst noch herausfinden.

Ich ahnte, dies würde eine harte Nuss zum Knacken. Bei Frau Wotlow und Herrn Lahr waren viele tiefgehenden Verletzungen im Spiel. Das war jedoch auch die Chance für eine Mediation.

Wenn beide Parteien erkannten, aus welchen Gründen – Verletzungen, Ängste, Hoffnungen – gewisse Reaktionen ausgelöst wurden, dann konnte dies ein wichtiger Schritt in Richtung gegenseitigem Verständnis sein.

„Das bringt doch alles nichts!“, sagte Herr Lahr und machte eine wegwischende Bewegung in Richtung Frau Wotlow.

„Das ist auch meine Meinung!“, erwiderte Frau Wotlow nüchtern.

Beide schwiegen.

Ich konnte es mir beinahe nicht verkneifen laut auszusprechen, dass sie wenigstens bei diesem Punkt offenbar gleicher Meinung waren.

Ich wollte die kurze Pause jedoch nutzen, das Gespräch in Richtung Interessen zu lenken.

„Herr Lahr, was liegt Ihnen in Bezug auf die Zukunft der Firma besonders am Herzen?“, ich schaute Herr Lahr an und wartete.

Es bestand aus meiner Sicht immer noch die Chance, dass gemeinsame Interessen, wie der Fortbestand des Unternehmens, von beiden Parteien geäussert wurden. Falls diese Vermutung der Mutter von Frau Wotlow zutraf, war es zumindest möglich, die Sachebene besser von der persönlichen Ebene zu trennen. Ich war zuversichtlich, die Mediation bei meinen zwei Klienten in diese Richtung lenken zu können. Die Lösungsoptionen würden sie schlussendlich selbst finden. Eine Mediation hatte oft auch mit Geduld zu tun. Geduld für den Prozess. Geduld mit den Parteien.

(Ende des 3. Teils).

Spannende Mediations-Fälle von Klarau (2. Teil)

Mein Mediations-Kollege André Thommen hat die Idee aufgebracht, reale oder fiktive Mediations-Geschichten zu erzählen. Mit Hilfe von spannenden oder lustigen Geschichten könnte die Mediation und insbesondere die Wirtschaftsmediation einem breiteren Publikum nähergebracht werden. Mediation ist eine wunderbare Möglichkeit, Konflikte lösen zu helfen.

Die Basis meiner Geschichten bildet ein Kriminalroman, den ich 2012 unter dem Pseudonym ‚von Klarau‘ geschrieben habe. Der Hauptprotagonist im Roman ‚Schmuggelware‘ – Clement von Klarau – ist Mediator. Im Roman wird Clement ohne Zutun und Verschulden in ein Verbrechen verwickelt. Bei der Lösung des Falles helfen ihm seine Mediations-Fähigkeiten. Daneben geht er nach wie vor seiner Berufung und seinem Beruf als Mediator nach und hilft, Konfliktparteien ihre Auseinandersetzungen einvernehmlich zu lösen.

Aus der ersten Geschichte konnten die 5 Phasen einer Meditation herausgelesen werden. Im 2. Teil werden Sie weitere Protagonisten aus dem Roman kennenlernen. Sie werden diverse Mediations-Techniken im Einsatz erleben.

Ich hoffe, Sie haben ein wenig Spass beim Lesen der zweiten Episode und lernen dabei vielleicht etwas Neues über die Mediation, wie Mediatoren und Coaches denken und erfahren zudem das eine oder andere «Mediations-Geheimnis».

Hinweis: Da die Originale dieser Mediations-Geschichten in ein Buch eingebettet sind, kann es sein, dass einige Passagen auf Gegebenheiten, Orte oder Menschen hinweisen, die an anderer Stelle im Buch vorkommen. Entsprechend kann der Leser ein paar Details vermissen. Ich traue jedoch den Lesern zu, evtl. fehlende Elemente mit der eigenen Fantasie zu ergänzen.


Andreas Betschart


Handlung und Personen sind frei erfunden. Sollte es trotzdem Übereinstimmungen zu lebenden oder verblichenen Personen geben, so würden diese auf jenen Zufällen beruhen, die das Leben so vorgesehen hat.


„Die Kirche sagt, du sollst deinen Nächsten lieben.
Ich bin überzeugt, dass sie meinen Nachbarn nicht kennt“

— Peter Ustinov – 1921 – 2004, engl. Schriftsteller u. Schauspieler

Als Felicia und ich vor bald zwanzig Jahren heirateten, nahm ich ohne zu zögern den Namen meiner Frau an. Clement von Klarau hatte in meinen Ohren einen wohlklingenden Klang. Und es stand eh nie zur Debatte, dass Felicia ihren Familiennamen ablegen würde. Das waren wir auch eventuellen Nachkommen geschuldet, obwohl ich Felica erläutert hatte, dass ich keine Kinder wollte.

Zudem gefiel ich mir zugegebenermassen auch in der Rolle als Lehnsherr. Felicia gab mir nie zu spüren, dass ich kein Geborener von Klarau war.

Ganz anders mein Schwiegervater Paul.

Ich glaube, Paul hatte nicht persönlich etwas gegen mich. Jeder, der seine Tochter geheiratet hätte, wäre seiner Anfeindung ausgesetzt gewesen.

Paul und ich gaben uns seit Jahren Saures.

Wir waren zudem beide nicht auf den Mund gefallen, was zu entsprechend längeren Schlagabtauschen führen konnte.

Über die Jahre hatten wir unseren Kampf perfektioniert. Wir befanden uns über alles gesehen in einer Pattsituation.

Wenn ich ehrlich war, genoss ich auch unser Spiel und hätte ungern drauf verzichtet. Paul ging es sicher gleich. Nicht, dass wir das je zugegeben hätten.

Felicia hatte uns jedoch schon lange durchschaut und unterstützte jeweils immer einen von uns tatkräftig und sorgte so dafür, dass der ‚Konflikt‘ weiterschwelte. Dabei war sie unberechenbar. Keiner von uns konnte auf ihre Hilfe zählen. Sie konnte sowohl denjenigen von uns unterstützen, der gerade unter die Räder kam oder ihn auch gleich komplett Knock-out setzen.

Ich war 46 Jahre jung, fand mich attraktiv, smart, intelligent und ein wenig eingebildet.

Ich hatte vor Jahren meinen Beruf als IT-Software-Entwickler in einer Bank an den Nagel gehängt. Das war einer der Vorteile, in eine reiche Familie einzuheiraten: Arbeiten musste ich nicht mehr.

Ich hatte nie Mühe mit der Situation, dass meine Frau mehr Geld hatte. Mein Selbstwertgefühl war sehr ausgeprägt.

Untätig war ich jedoch nicht und wollte ich auch nicht sein. Dolce far niente war noch nie mein Ding gewesen.

Ich hatte mich weitergebildet und mich auf Mediationen spezialisiert, sowohl auf Wirtschafts- als auch Familienmediationen. Dabei verdiente ich auch gutes Geld und lag Felicia nicht auf der Tasche. Ich achtete auf regelmässige Arbeitszeiten: Montag bis Donnerstag ‚nine to five‘, was ich immer mal wieder gerne erwähnte, wenn ich meine ehemaligen Arbeitskollegen traf.

In der Mediation konzentrierte ich mich je länger je mehr auch auf Fälle, sprich Konflikte, mit nachbarschaftlichem oder familiärem Hintergrund. Dabei kam es nicht selten vor, dass ich meinen Stundenlohn stark reduzierte, wenn ich sah, dass beide Parteien finanziell nicht gerade gesegnet waren. Ganz verzichtete ich jedoch nie auf ein Entgelt, und wenn ich auf einen grösseren Teil verzichtete, so gab ich das erst bekannt, wenn die Mediation vor einem Abschluss stand.

Ich war der Ansicht, dass eine Bezahlung meiner Mediationstätigkeit immer gerechtfertigt war. Ich war kein Altruist und machte das nicht nur aus Menschenliebe. Zudem wurden die Parteien angehalten, den Mediationsprozess auch mit der notwendigen Ernsthaftigkeit und Konzentration anzugehen. Es war ja ihr Geld. So platt das auch tönte: Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass wenn die Mediation gar nichts kostete, auch der Wert dementsprechend geringer betrachtet wurde.

Für den Ort der Durchführung einer Mediation hatte ich eine eiserne Regel: Mediationen fanden nur bei mir zuhause statt.

Dazu nutzte ich das Kaminzimmer.

Das brachte mit sich, dass ich auch nicht alle Fälle zugesprochen bekam. Gerade in der Wirtschaftsmediation, wenn es um den Konflikt zweier Unternehmen oder auch innerbetrieblicher Konflikte ging, waren mitunter die Örtlichkeiten der Gespräche eine heikle Angelegenheit.

So konnte es sein, dass eine Partei aus Granburg sich sehr wohl für die Durchführung der Gespräche in meinem Haus aussprechen konnte, jedoch z.B. eine Partei der Stadt Moltenberg, die 20km entfernt im Bezirk Weiningel ihren Sitz hatte, dies schon als parteiisch empfand. Ich fackelte bei solchen Querelen nicht lange: Vogel friss oder stirb war hier mein Motto.

Ich betrieb Mediation seit fünf Jahren. Die meisten Mediationen hatte zur Zufriedenheit der Parteien gelöst. Ich hatte aber auch Misserfolge.

Bezeichnend war, dass ich den eigenen Konflikt mit meinem Schwiegervater Paul nicht lösen konnte, wobei wahrscheinlich auch kein wirklicher Handlungsbedarf bestand. Dieser Konflikt war da, um gelebt zu werden.

Neben der Mediation war ich auch im Täter-Opfer-Ausgleich tätig. Hier kam die Initiative jeweils immer von der Staatsanwaltschaft oder von einem Gericht aus. Dabei stand die Wiedergutmachung einer Tat durch den Täter gegenüber dem Opfer im Zentrum. Der Täter hatte dabei erhebliche persönliche Leistungen zu erbringen oder Entschädigung zu leisten. Verfahrenstechnisch gab es viele Parallelen zur Mediation. Der Beginn war jedoch anders, so führte ich immer getrennte Vorgespräche durch, bevor ich die Parteien bei mir zu Gesprächen zusammenführte.

In der Tätigkeit als Mediator hatte ich meine Berufung gefunden. Ich hatte Spass an der Mediation und freute mich, wenn ich die Konfliktparteien so weit brachte, dass sie selbst gangbare und für alle Seiten tragbare Lösungen entwickelten.

——————

Es war 10.15 Uhr und mein Schwiegervater Paul hatte Frau Nassauer und Herr Assgauer Punkt 10.00 Uhr an der Haustüre empfangen und in das Kaminzimmer geführt.

Beim ersten Besuch der zwei Kontrahenten vor ein paar Tagen, hatte Paul noch alle seine schauspielerischen Fähigkeiten eingesetzt. Bei seinem Kotau hatte sein Kopf beinahe das Parkett berührt. Das Verhalten von Paul hatte bei Frau Nassauer und Herr Assgauer zu grosser Verwirrung geführt. Ich vermutete, sie fühlten sich auch ein wenig eingeschüchtert. Paul hatte bestimmt seinen Spass.

Ich musste mich konzentrieren, damit ich die beiden Nachnamen der Klienten nicht vertauschte. Herr Assgauer und Frau Nassauer. Eine falsche Anrede wäre zur Beilegung des Konfliktes von Frau Nassauer und Herrn Assgauer nicht förderlich gewesen.

Herr Assgauer hatte ein leicht herzförmiges Gesicht, also stellte ich mir eine Spielkarte mit dem Herz-Ass vor. Ass für Assgauer.

Frau Nassauer hatte leichte Anzeichen von Tränensäcken unter den Augen und ich kombinierte das mit ‚Nass‘. Also Nass für Nassauer.

Et voilà. Eine altbekannte Technik, damit ich mir mit Hilfe von Bildern, die entsprechenden Gesichter und Namen merken konnte.

Ich legte grossen Wert auf eine profunde Vorbereitung und Organisation einer Mediation. Dazu gehörte auch, fallspezifisch zu entscheiden, welches die beste Sitzordnung war. Ich überlegte mir, welche Sitzgelegenheiten ich im Kaminzimmer für die Mediation nutzen wollte.

Eine Mediation musste nicht zwingend an meinem Schreibtisch stattfinden. Ich hatte die Möglichkeit die Gespräche auf dem Sofa oder am runden Tisch durchzuführen. Ich hatte auch schon auf die Nutzung eines Tisches verzichtet. Die meisten Menschen hatten jedoch das Bedürfnis, sich an einem Tisch ›festzuhalten‹. Das gab ihnen Sicherheit und Halt. Viele Klienten schätzten es zudem, dass ein unverrückbarer Gegenstand zwischen ihnen und ihren ›Kontrahenten‹ stand. Ich liess mich bei der Entscheidung für den genauen Ort für die Durchführung der Gespräche jeweils von meinem Bauchgefühl leiten. Der erste Eindruck der Personen war dabei relevant. Diesen Eindruck gewann ich bereits bei der Begrüssung. Ich beobachtete sehr genau, wie sich die Klienten zueinander und gegenüber mir verhielten.

Meistens entschied ich mich für den runden Tisch. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass die Parteien ein Gespräch an einem runden Tisch oft entspannter führten, als dies bei einem eckigen Tisch der Fall war. Das hörte sich banal an, war aber auch eines der Puzzleteile einer erfolgreichen Mediation. Die Parteien hatten bei einem runden Tisch die Möglichkeit ihr Position leicht zu verändern, wodurch sie sich nicht frontal gegenübersassen. Das konnte hilfreich sein. Bei einem runden Tisch rückte auch meine Rolle nicht ganz so stark ins Zentrum, wie wenn ich die Gespräche von meinem Schreibtisch aus führte. An einem runden Tisch war ich buchstäblich ein Teil der Runde. Es gab jedoch Ausnahmen. Ich hatte sehr wohl schon mitten in Gesprächen, die wir am runden Tisch begonnen hatten, zum Schreibtisch gewechselt. Dies verschaffte mir eine bessere Position bei Streithähnen, die eine ’starke Hand›, zumindest zu Beginn einer Mediation, benötigten.

Bei den Parteien Assgauer und Nassauer ahnte ich, dass ich eine solche Rolle einnehmen musste und hatte mich für den Schreibtisch entschieden. Die Parteien sassen mir gegenüber.

«Sie haben gut reden, Sie sind ja nicht in der Situation!“, hörte ich Barbara Nassauer sagen. Sie hatte recht. Es war jedoch für ein Weiterkommen in der Mediation notwendig, dass sie wenigstens versuchte, die vertrackte Situation mit Herrn Assgauer von einer anderen Warte aus zu betrachten. Ich entnahm dem Tonfall und ihrer Haltung während des Gesprächsverlaufs, dass sie sehr wohl an einer einvernehmlichen Lösung interessiert war. Dies traf auch auf die Gegenseite von Barbara Nassauer zu. Franz Assgauer, mit dem ich Minuten vorher einen ähnlichen Dialog geführt hatte, war bereit gewesen, sehr offen über seine Wahrnehmung und Gefühle zu sprechen. Er hatte treffend seine unnachgiebige Haltung gegenüber Frau Nassauer und die Auslöser, die dazu geführt hatten, beschrieben.

Ich hatte bei den Ausführungen von Herrn Assgauer die Reaktionen von Barbara Nassauer beobachtet und festgestellt, dass sich ihr Gesichtsausdruck von absoluter Ablehnung und Verschlossenheit, zu Interesse gewandelt hatte. Sie lauschte den Äusserungen von Herrn Assgauer interessiert. Das war auch der Moment, bei dem ich ihr den Ball zuspielte, der ihr ermöglichte, das Gehörte zu reflektieren.

„Frau Nassauer, was meinen Sie? Sind Sie dabei, mit mir mal etwas zu versuchen? So wie ich Sie während der Mediation kennengelernt habe, machen Sie bestimmt mit.“

Sie schaute überrascht und neugierig. Ich fuhr fort: „Stellen Sie sich vor, sie können in Gedanken allen Ärger und die erfahrene Kränkung beiseitelegen. Wenn Sie sagen ‚einfacher gesagt als getan‘, dann haben Sie recht. Daher machen wir es so. Versetzen Sie sich mal in meine Position.“ Barbara Nassauer machte grosse Augen und hatte noch keine Ahnung, worauf ich hinauswollte. „Stellen Sie sich einfach mal vor, Sie sind der Mediator und sitzen auf meinem Stuhl. Sie betrachten von meiner Warte aus Herrn Assgauer und sich selbst. Versuchen Sie es mal. Funktioniert es?»

Sie schaute skeptisch: «Nun, mehr oder minder kann ich mir das vorstellen. Aber was soll das bezwecken?»

Ich erläuterte: «Sie sehen also wie Sie im schwarzen Sessel, an meinem Platz sitzen. Die Hände auf dem Schoss gefaltet. Können Sie sich das Bild vorstellen?“ Barbara Nassauers Gesichtsausdruck veränderte sich. Ich sah, wie sie sich anstrengte, sich in meine Position zu versetzen.

Sie erwiderte konzentriert: „O.k. ja, ich denke schon.“

Ich fuhr fort: „Sie sitzen also auf meinem Stuhl. Sehen Sie sich selbst?“

„Ja, doch.“

„Beschreiben Sie mal, wie Sie die Haltung und Stimmung von Frau Nassauer beschreiben würden, wenn Sie den bisherigen Verlauf Revue passieren lassen?“

Ich versuchte die Bereitschaft bei Barbara Nassauer zu steigern, ihre eigene Position und ihr Verhalten zu hinterfragen. Erst daraus konnte ein Verständnis auch für das Verhalten der Gegenseite entstehen. Es war eine Einstellungsänderung gefordert. Dabei ging es mir erst mal darum, dass Barbara Nassauer ihre derzeit einzige Sichtweise durchbrach oder erweiterte. Das war leicht gefordert und schwer umzusetzen. Dieser durch mich initiierte und angeleitete Perspektivenwechsel und Rollentausch funktionierte nicht immer und ich war auch vorsichtig bei dessen Anwendung. Nicht alle Menschen konnten solche Gedankenspiele nachvollziehen, da die entsprechende Person über zwei Ecken denken mussten. In diesem Falle musste sich Frau Nassauer in meine Position begeben und sich dann selbst aus meiner Optik beschreiben. Bei Barbara Nassauer war ich jedoch überzeugt, dass sie genug Vorstellungskraft aufbrachte, dies zu bewerkstelligen.

Da Konflikte von Kränkungen und Ärger geprägt waren, konnten die Parteien jeweils ihre Positionen nicht auf die Schnelle verlassen. „Ich mache sicher nicht den ersten Schritt!“ oder ähnlich Aussagen deuteten jedoch schon darauf hin, dass eine Grundbereitschaft da war, überhaupt einen Schritt hin zu einer gemeinsamen Lösung zu machen. Oft standen sich die Leute jedoch selbst im Wege und wollten ihr Gesicht nicht verlieren. Sie wollten nicht als diejenigen dastehen, die zu schnell nachgegeben hatten. Das konnte aus ihrer Sicht als Schwäche ausgelegt werden und ihre Verhandlungsposition unterminieren. Noch schlimmer, viele Leute hatten Bedenken, der Gegenseite dabei sogar zusätzliche Munition zu liefern. In solchen Situationen bot ich mit dem Rollentausch den Parteien eine Möglichkeit, gesichtswahrend und unverbindlich Gefühle oder auch schon Optionen anzusprechen. Mir gegenüber als neutrale Partei konnten sie sogar ihre Haltungen und Lösungsideen frei formulieren auch oder gerade, wenn die andere Partei im Raum anwesend war.

Frau Nassauer beschrieb treffend und wortreich, wie sie sich selbst sah und fühlte. Sie erwähnte ihren Ärger und ihre Wut und insbesondere auch die Trauer über ihre Pflanzen. Später, als sie die Aussagen von Herrn Assgauer hörte, beschrieb sie, wie sie sich selbst sah: Betroffen und überrascht von den Schilderungen ihres Nachbarn. Sie liess auch durchblicken, dass sie in gewissen Punkten vielleicht zu voreilige Schlüsse gezogen hatte.

Franz Assgauer hatte uns über seine Haltung aufgeklärt und somit den ersten Schritt gemacht: „Wissen Sie Herr von Klarau, ich war total gekränkt von der Art, wie Frau Nassauer von mir eine Entschädigung forderte. Ich wäre ja bereit gewesen, ihr auch etwas zu zahlen, wenn sie zugeben hätte, dass sie sich im Ton und der Art vergriffen hatte. Aber nein. Sie hat mich runtergeputzt. Sie müssen doch zugeben, da ist es verständlich, dass ich auf stur schalte. Klar, eventuell habe ich ein wenig überreagiert, kann schon sein. Aber das auch nur, weil Frau Nassauer mir dann auch noch mit der Polizei und Sonstigem gedroht hat.“ Aus Erfahrung kam die Mediation mit solchen oder ähnlichen Aussagen einen gewaltigen Schritt vorwärts. Das waren genau die Schlüsselmomente, auf die wir hinarbeiten mussten. Solche Aussagen ermöglichten, die verhärteten Sichten aufzuweichen. Ich konnte es höchstens noch verpfuschen.

Ich stellte fest, dass Barbara Nassauer Franz Assgauer interessiert zugehört hatte und es war offenkundig, dass sie über das Gehörte nachdachte. Sie verband die Aussage von Franz Assgauer mit ihrer Wahrnehmung des Erlebten. Sie erkannte, dass auch ihr Verhalten eine Reaktion bei der Gegenpartei, in Person von Herrn Franz Assgauer, ausgelöst hatte.

Meine Aufgabe war nun, dass diese Erkenntnisse bestätigt wurden und sich setzten. Dazu paraphrasierte ich die Aussage von Franz Assgauer: „Habe ich Sie richtig verstanden Herr Assgauer, dass Sie sich durch die Art und Weise, wie Frau Nassauer Ihnen gegenüber die Forderung gestellt hatte, gekränkt fühlten?“ Dabei betonte ich die ‚Art und Weise‘ leicht und schaute bei der Nennung von Barbara Nassauer diese auch kurz an. Ich nutzte auch das Wort ›fühlen‹, da damit kein vermeintlicher Fakt ausgesprochen wurde, der unterschiedlich beurteilt werden konnte. Gefühle waren individuell und jeder akzeptierte, dass diese persönlich und somit ›wahr‹ waren. Eine solche, subtile Vorgehensweise war entscheidend in einer Mediation. Die Leute mussten beginnen darüber zu sprechen, was genau sie aufgewühlt hatte. Die Gegenpartei hatte dann die Möglichkeit, sich wiederum in das Gegenüber zu versetzen.

Ich sprach Herrn Assgauer an: „Sie haben dann erwähnt, dass sie eventuell ein wenig überreagiert haben, als Frau Nassauer sogar mit der Polizei drohte.» Ich formulierte dies als Feststellung und liess die Aussage jedoch wie eine Frage ausklingen. Franz Assgauer nickte bestätigend. Er fühlte sich von mir verstanden.

„Das habe ich doch gar nicht so ernst gemeint“, beschwichtigt Frau Nassauer. „Ich habe mich einfach so geärgert, dass sie mir die Türe vor der Nase zugeschlagen haben. Das war nicht die feine Art.“

„Das gebe ich zu, ist wirklich nicht ein feines Verhalten, ist auch sonst nicht meine Art, anderen Leuten die Türe vor der Nase zuzuschlagen“, erwiderte Herr Assgauer, „aber Sie haben an meiner Tür geklingelt und mir dann, ohne guten Tag zu sagen, an den Kopf geworfen, dass ich Ihre Blumen ertränkt hätte. Ich war nur baff. Dann haben Sie verlangt, dass ich den Fernseher abstellen sollte, den ich im Hintergrund laufen liess, während wir an der Türe sprachen. Das fand ich eine Zumutung. Ich war nämlich gerade am Schauen des Champions-League Halbfinal-Spiels zwischen Chelsea und Liverpool. Und trotzdem bin ich an die Türe gekommen.»

«Darum hat das so lange gedauert, bis Sie die Türe geöffnet haben», sagte Frau Nassauer, «ich dachte, Sie wollten einfach nicht mit mir sprechen, weil Sie ein schlechtes Gewissen hatten.»

«Wie hätte ich denn wissen können, dass Sie es sind Frau Nassauer?», erwiderte Herr Assgauer, «zudem habe ich mich eh darüber geärgert, dass überhaupt jemand während dieses wichtigen Fussballspiels an der Türe läutet. Habe dann auch ein wenig länger gewartet. Sie haben aber auch nicht aufgehört zu läuten, Frau Nassauer.“

„Ich habe eben den Fernseher gehört und gewusst, dass Sie anwesend sind“, warf Frau Nassauer dazwischen.

„Wie dem auch sei, ich bin ja an die Türe gekommen. Sie haben dann, ohne richtig Hallo zu sagen, begonnen mich zurechtzuweisen. Ob ich eine gute Kinderstube gehabt hätte, ob es normal sei, dass ich den Fernseher laufen liesse, wenn ich mich mit Leuten unterhalte. Ob ich die Pflanzen willentlich getötet hätte. Ich war echt perplex. Dann haben Sie mir eine ihrer Zimmerpflanzen entgegengestreckt und mir vorgeworfen, dass ich diese – und andere ihrer Art – während meines gutnachbarschaftlichen Zimmerpflanzengiessdienstes bei Ihnen ertränkte hätte.“

„Ich habe mich eben total aufgeregt, ich hänge sehr an meinen Pflanzen“ erwiderte Frau Nassauer kleinlaut. „Und da komme ich nach zwei Wochen aus meinen Ferien zurück, die eh schon völlig verregnet waren, freue mich auf meine Pflanzen und alle sind tot. Ertränkt durch Sie, wie ich dann schnell festgestellt hatte.“

„Ich weiss doch, dass Sie an ihren Pflanzen hängen, Frau Nassauer. Darum habe ich mich ja vor Ihren Ferien auch sofort bereiterklärt, diese während Ihrer Abwesenheit zu giessen. Habe es wirklich nur gut gemeint. Ich war der Ansicht, die bräuchten einfach mehr Wasser. Aber dass Sie mich dann so zur Schnecke machen, war zu viel. Sie haben begonnen meine Kinderstube zu erwähnen, die – wohlgemerkt – geprägt war von einem sehr autoritären Erziehungsstil meines Vaters. Mein Vater hat mir einwandfreie Manieren eingebläut, glauben Sie mir. Und in diesem Moment kommen Sie und erinnern mich an meine Kinderstube. Das hat mich dann doch sehr getroffen. Dabei hatte ich wirklich Freude, dass ich Ihnen mit dem Pflanzengiessen vermeintlich eine Freude habe machen können.“

„Oh, die Aussage mit der Kinderstube tut mir leid. Ich war Ihnen ja auch sehr dankbar, dass Sie das mit dem Blumengiessen übernommen haben. Heute ist es ja zum Teil schwer, nette und hilfsbereite Nachbarn zu haben. Jeder ist für sich alleine. Kontakte werden vermieden. Ich finde das schade, mache aber zugegebenermassen auch wenig, um das in meinem Umfeld zu ändern. Ist eigentlich kein Wunder, dass sich Nachbarn nicht mehr helfen. Wir hatten ja bis anhin auch wenig Kontakt. Da meine Kinder zur gleichen Zeit wie ich in den Ferien weilten, hatte ich leider niemanden aus der Familie, der das Pflanzengiessen für die zwei Wochen übernehmen konnte. Daher habe ich Sie gefragt. Sie wohnen ja auf der gleichen Etage wie ich, gleich gegenüber, daher dachte ich einfach …“, sie zögerte.

„Wie gesagt Frau Nassauer, ich fand es toll, dass sie mich gefragt haben. Wir leben ja auch schon fünf Jahre Tür an Tür …“

„Sechs“, unterbrach ihn Frau Nassauer.

„Ah, sechs Jahre… Auf alle Fälle hatten wir während dieser sechs Jahre kaum Kontakt. Hat vielleicht mal für ,guten Morgen‘ und ‚guten Abend‘ gereicht. Sonst haben wir, denke ich, kein Wort gewechselt. Ich habe nicht so viel Kontakt mit anderen Leuten und ich gebe zu, dass ich einfach Freude hatte, dass ich jemanden, Ihnen, helfen durfte. Seit ich pensioniert bin, werde ich nicht mehr von vielen um Rat angefragt, geschweige denn gebeten, bei irgendwas zu helfen.“

„Tut mir leid“, sagte Frau Nassauer bedrückt, „ich wollte Sie nicht kränken Herr Assgauer, ich kann ahnen, wie sich das anfühlt, wenn man alleine ist. Ich habe zwar das Glück, dass mein Sohn und meine Tochter mich regelmässig besuchen kommen, aber seit mein Mann gestorben ist, sind die Tage deutlich länger geworden. Tut mir leid, wenn ich das erwähne, aber ich habe auch festgestellt, dass Sie selbst fast nie Besuch bekommen. Das Haus ist ja doch sehr ringhörig“, sagte sie mit einem verschämten Blick nach unten, als ob sie gerade beim Lauschen ertappt worden wäre.

Es trat von beiden Seiten betretenes Schweigen ein. Ich hatte die ganze Zeit nur zugehört und nicht eingegriffen. Beide schauten mich gleichzeitig an und ihre Blicke fragten mich ›und nun, Herr von Klarau, wie geht es weiter?‹

„Frau Nassauer, Herr Assgauer, ich muss nicht nochmals alles zusammenfassen. Sie Frau Nassauer haben verstanden, warum Herr Assgauer so reagiert hat und Sie Herr Assgauer können ebenfalls die Reaktion von Frau Nassauer nachvollziehen“. Beide nickten und schauten sichtlich betreten.

„Gut“, fuhr ich weiter, „Ich danke Ihnen beiden sehr, dass sie so offen und ehrlich über das gesprochen haben, was Sie bewegt. Das haben Sie wirklich gut gemacht.“ Ich machte eine Pause.

„Nun, Frau Nassauer, was das ursprüngliche Streitobjekt, nämlich der Ersatz Ihrer Pflanzen respektive die Wiedergutmachung betrifft …“ setzte ich bewusst langsam an.

„Ich würde mich sehr freuen, wenn ich die Pflanzen ersetzen könnte“, sagte Herr Assgauer schnell, bevor Frau Nassauer was sagen konnte.

„Frau Nassauer, was sagen Sie dazu?», fragte ich.

Meine Rolle beschränkte sich nun nur noch darauf, als Vermittler für die abschliessenden ‚Verhandlungen‘ zwischen Frau Nassauer und Herrn Assgauer zu fungieren. Ich wollte sicherzustellen, dass konkrete nächste Schritte und Massnahmen vereinbart wurden. Auch wenn das im vorliegenden Falle nicht mal im Zentrum stand. Ich beendete jedoch keine Mediation, wenn nicht konkrete Massnahmen vereinbart wurden. Es war auch in diesem Falle nicht damit getan, nur zu quittieren, dass sich zwei gefunden hatten. Ich konnte nicht davon ausgehen, dass die zwei, zwar an Erkenntnis reicheren Klienten, ohne weiteren Anschub den Rest hinkriegten. Die Basis war stabil, ich wollte jedoch zur Resultatssicherung, Frau Nassauer und Herr Assgauer dazu bringen, auch konkrete nächste Schritte einzuleiten.

„Ich nehme das Angebot von Herrn Assgauer gerne an“, sagte Frau Nassauer immer noch zu mir gerichtet.

„Und wie stellen Sie sich das genau vor?“, fragte ich, ohne jemanden Speziellen damit anzusprechen.

„Nun, Sie sagen mir, wie viel die neuen Pflanzen kosten und ich gebe Ihnen das Geld“, sagte Herr Assgauer direkt zu Frau Nassauer gerichtet. Frau Nassauer runzelte die Stirn.

„Was wären Alternativen?», fragte ich Herrn Assgauer, der sehr wohl auch das leichte Stirnrunzeln von Frau Nassauer bemerkt hatte. So ergänzte er rasch „Ich könnte Sie auch bei einem Pflanzenkauf begleiten, wenn Sie möchten. Ich meine nur, wenn Sie das nicht stört“, präzisierte er hastig, um ja keinen falschen Eindruck zu hinterlassen. «Ich meine sonst ist das ja so unpersönlich.».

„Gut, was wäre sonst noch denkbar? Was meinen Sie Frau Nassauer?“ fragte ich.

„Also ich finde das mit dem gemeinsamen Pflanzenkauf eine gute Idee. Wenn Sie mir einfach nur das Geld geben Herr Assgauer, empfinde ich das doch eher als Geringschätzung“, ergänzte sie.

Ich wiederholte meine vorhergehende Frage „Sehen Sie neben dem gemeinsamen Pflanzenkauf noch andere Möglichkeiten?“

Frau Nassauer dachte nach: „Ich weiss ja nicht, ob das eine gute Idee ist, aber Herr Assgauer könnte mich ja auch zum Essen einladen. Also, ich muss noch ergänzen, dass ich noch gar nicht weiss, ob ich das überhaupt möchte», sagte sie schnell. «Sie Herr von Klarau haben mich aber nach Ideen gefragt“, sagte sie beinahe entschuldigend.

„Da haben Sie recht Frau Nassauer, ich habe Sie beide tatsächlich gebeten, einfach mal Ihre Ideen zu äussern. Sie können gemeinsam festlegen, welche Ideen Sie beide weiterverfolgen und welche Sie verwerfen», erwiderte ich. „Und was sagen Sie Herr Assgauer?“

Herr Assgauer konnte seine Begeisterung nicht verhehlen: „Also ich gebe zu, ich finde das eine tolle Idee. Ich würde Sie gerne zu einem Abendessen in ein nettes Restaurant einladen, Frau Nassauer. Dann komme ich auch wieder mal unter Leute und Sie können sich freuen, dass Ihr komischer Nachbar sozusagen mal zu Besuch bekommt“.

Er lächelte scheu.

„Gut und was ist Ihr Beitrag Frau Nassauer?“, fragte ich unvermittelt.

„Mein Beitrag?“, fragte die Angesprochene verwundert zurück.

„Nun ja, wahrscheinlich ersetzt Ihnen Herr Assgauer die Pflanzen, sicher jedoch lädt er Sie zu einem guten Essen ein. Und was machen Sie?“

„Ähm…nun…“, sie verstand. „Tja, ich kann nicht viel mehr anbieten, als meine Entschuldigung, dass ich überreagiert habe“, sagte sie in meine Richtung. Ich nickte fast unmerklich mit dem Kopf in Richtung von Herrn Assgauer.

„Also…ähm…Herr Assgauer“, räusperte sich Frau Nassauer.

„Ist nicht notwendig!“, erwiderte dieser schnell.

„Doch ist es!“, sagte sie bestimmt. «Herr von Klarau hat absolut recht, dass er mich darauf aufmerksam macht. Ich möchte mich, nein ich möchte nicht nur, sondern ich entschuldige mich bei Ihnen für meine rüden Worte über Ihre Kinderstube und dass ich Ihnen unterstellt habe, meine Pflanzen absichtlich getötet zu haben. Das war nicht nett von mir und ich danke Ihnen im Nachhinein, dass Sie zumindest versucht haben, meine Pflanzen zu giessen.“

Ich musste mir ein Lachen über die letzte Aussage verkneifen.

„Ich nehme Ihre Entschuldigung gerne an Frau Nassauer“, sagte Herr Assgauer.

Der Rest waren nur noch Formalitäten. Ich fasste alles nochmals zusammen und bot ihnen entsprechende Unterstützung an, falls sie nochmals meine Hilfe wünschten. Ich erklärte ihnen auf Rückfrage von Herrn Assgauer, dass ich ihnen die Rechnung wie vereinbart zu gleichen Teilen in den nächsten Tagen zustellen würde.

Es war kurz vor zwölf, als ich die beiden zur Türe begleitete. Hand in Hand verliessen die beiden das Haus nicht, zumindest noch nicht. Ich hatte mich gegen Schluss der Mediation eher wie ein Kuppler gefühlt. Wahrscheinlich hatte ich wieder mal meine eigenen Grundsätze nicht ganz eingehalten. Ich hatte die Geschicke so gelenkt, wie ich es für gut befunden hatte. Ein schlechtes Gewissen hatte ich deswegen keines.

Ich verabschiedete beide mit einem Händedruck. Frau Nassauer gab ich, wie es sich gehörte, zuerst die Hand.

Ich sagte: „Auf Wiedersehen Frau Assgauer», …und biss mir auf die Zunge.

(Ende des 2. Teils).

Spannende Mediations-Fälle von Klarau (1. Teil)

Mein Mediations-Kollege André Thommen hat die Idee aufgebracht, reale oder fiktive Mediations-Geschichten zu erzählen. Mit Hilfe von spannenden oder lustigen Geschichten könnte die Mediation und insbesondere die Wirtschaftsmediation einem breiteren Publikum nähergebracht werden. Mediation ist eine wunderbare Möglichkeit, Konflikte lösen zu helfen.

Die Basis meiner Geschichten bildet ein Kriminalroman, den ich 2012 unter dem Pseudonym ‚von Klarau‘ geschrieben habe. Der Hauptprotagonist im Roman ‚Schmuggelware‘ – Clement von Klarau – ist Mediator. Im Roman wird Clement ohne Zutun und Verschulden in ein Verbrechen verwickelt. Bei der Lösung des Falles helfen ihm seine Mediations-Fähigkeiten. Daneben geht er nach wie vor seiner Berufung und seinem Beruf als Mediator nach und hilft, Konfliktparteien ihre Auseinandersetzungen einvernehmlich zu lösen.

In diesem Artikel (und evtl. Folgeartikel, wenn diese Art der Erzählung auf positive Resonanz stösst), werde ich einzelne Mediations-Episoden und -Fälle aus dem Roman veröffentlichen.

Ich hoffe, Sie haben ein wenig Spass beim Lesen der ersten Episode und lernen dabei vielleicht etwas Neues über die Mediation, wie Mediatoren und Coaches denken und erfahren zudem das eine oder andere «Mediations-Geheimnis».

Hinweis: Da die Originale dieser Mediations-Geschichten in ein Buch eingebettet sind, kann es sein, dass einige Passagen auf Gegebenheiten, Orte oder Menschen hinweisen, die an anderer Stelle im Buch vorkommen. Entsprechend kann der Leser ein paar Details vermissen. Ich traue jedoch den Lesern zu, evtl. fehlende Elemente mit der eigenen Fantasie zu ergänzen.


Andreas Betschart


Handlung und Personen sind frei erfunden. Sollte es trotzdem Übereinstimmungen zu lebenden oder verblichenen Personen geben, so würden diese auf jenen Zufällen beruhen, die das Leben so vorgesehen hat.


„Die höchste Form menschlicher Intelligenz ist, zu beobachten ohne zu bewerten“

— Jiddu Krishnamurti – 1895 – 1986, indischer Philosoph

«Frau Kalkbreite und Frau Veltinger, ist Ihnen so weit klar, was Sie von einer Mediation und von mir als Mediator erwarten können?“ Ich schaute abwechselnd die zwei Frauen an, die mit mir am runden Tisch sassen. Sie nickten beide gleichzeitig und schauten wieder auf das A3-Blatt auf dem Tisch, das ich vor ihnen hingelegt hatte. Anhand einer Skizze war ich dabei, ihnen den Ablauf der Mediation Schritt für Schritt zu erläutern.

Ich hatte den Ersten der fünf Schritte erklärt, die ich mit ihnen im Rahmen der Mediation durchgehen wollte.

„Sehr gut, ich erkläre Ihnen immer, bei welchem Schritt wir uns in der Mediation befinden und zögern Sie nicht mich zu fragen, wenn Ihnen was unklar erscheint.“

Ich deutete mit dem Zeigefinger auf den Schritt zwei, der als ‚Themen sammeln‘ beschrieben war: „In diesem Schritt gebe ich Ihnen die Gelegenheit, mir eine Beschreibung der aktuellen Konfliktsituation zu geben. Jede von Ihnen stellt IHRE Sicht der Situation dar. Sie sagen mir, was Sie hierherführt. Ich werde in diesem zweiten Schritt entsprechende Themen notieren, die Sie nennen. Anschliessend können wir diese Themen behandeln und diskutieren. Das können Sie in etwa so betrachten, wie wenn Sie ein grösseres Problem in Teilprobleme strukturieren. Diese Teilprobleme lassen sich dann einfacher lösen. Genau das versuchen wir zusammen. Wenn Sie so wollen, ist der Schritt zwei der Einstieg in die Mediation. Richtig los geht’s mit dem nächsten Schritt. Ich gebe Ihnen einen Überblick, Sie müssen nichts auswendig lernen, ich leite Sie immer Schritt für Schritt an.“

„Obwohl wir das schon alles gemacht haben?“, fragte Frau Kalkbreite. „Ich meine, wir wissen doch, wo das Problem liegt, Herr Klarau. Frau Veltinger ist das Problem!“

„Jetzt aber mal halblang Frau Kalkbreite“, erwiderte Frau Veltinger, „ICH bin sicher nicht das Problem, SIE haben sich immer dagegen gewehrt, Hand für eine einvernehmliche Lösung zu bieten.“

„Wir wissen doch genau, Frau Veltinger, wer hier wen angeschwärzt hat!“, sagte Frau Kalkbreite hitzig.

„Genau! SIE haben doch das Ganze so hingestellt, als ob es meine Schuld war. Sie sind zum Chef gerannt und haben ihm irgendeine Gemeinheit über mich erzählt!“, gab Frau Veltinger zurück.

„Da ist ja absolut absurd!“, lachte Frau Kalkbreite, „warum sollte ICH was Gemeines über Sie erzählen? Sie sind eh schon lange bei allen untendurch! Selbst der Chef weiss, dass Sie schlecht über andere sprechen!“

Die zwei Frauen waren Sachbearbeiterinnen in einem kleinen Bauunternehmen in Granburg. Beide waren langjährige Mitarbeiterinnen der Firma. Dem Unternehmen ging es nicht mehr so gut, die Auftragslage hatte sich kontinuierlich verschlechtert. Während der letzten Jahre wurde die Belegschaft stark reduziert. Demzufolge war die Stimmung im Unternehmen ziemlich schlecht.

Herr Bamberg, der Chef der zwei Damen, kontaktierte mich vor zwei Wochen und bat mich um Hilfe. Er erzählte mir, dass er zwei gut qualifizierte Sachbearbeiterinnen beschäftige, die sich seit einer Weile bekämpfen. Wahrscheinlich, weil auch sie Angst haben, ihren Job zu verlieren. Er versicherte den zwei Damen, dass sie keine Bedenken diesbezüglich haben müssen. Aber das wollten sie ihm nicht glauben. Er meinte, dass unter dem ständigen Gezänke nicht nur die Produktivität der Frauen leide, sondern diese Streitereien auch einen Teil der sonstigen Belegschaft negativ beeinflusse. Er legte ihnen nahe, sich endlich zusammenzureissen und ihre Streitigkeiten einzustellen. Das führte nicht zum Erfolg. Er dachte an die Möglichkeit einer Mediation und fragte die Frauen, ob sie bereit wären, eine solche durchzuführen. Nach meiner Rückfrage bestätigte mir Herr Bamberg, dass er die Frauen wohl eher zu einer Mediation verdonnert hatte.

«Wissen Sie Herr von Klarau, da kann ich nicht mehr ewig zuschauen. Entweder packen es Frau Veltinger und Frau Kalkbreite oder…tja…Sie wissen schon.»

Ich machte Herrn Bamberg darauf aufmerksam, dass die Mediation nur unter dem Aspekt der Freiwilligkeit stattfinden würde. Er solle die Frauen diesbezüglich nochmals fragen bzw. überzeugen. Ihm sei es ja offensichtlich ernst und diese Ernsthaftigkeit solle er auch den Frauen vermitteln. Ich sei gerne bereit zu helfen, falls sich die zwei Frauen für eine Mediation entscheiden. Herr Bamberg konnte die zwei Frauen überzeugen. Was mich in diesem Falle nicht wirklich wunderte: Mit der unausgesprochenen Drohung, dass sie den Job verlieren könnten, war der Entscheid wohl klar.

Die zwei Frauen warfen sich noch zwei drei Beschuldigungen und Beleidigungen an den Kopf, bevor ich sie unterbrach: „Frau Veltinger, Frau Kalkbreite?“

Beide hielten abrupt inne und schauten mich mit roten Köpfen an.

Ich wartete kurz und schaute sie bloss an.

Dann sagte ich: „Was meinen Sie? Sind sie auf diese Art und Weise einer Konfliktlösung einen Schritt nähergekommen?“

Keine der Frauen sagte ein Wort.

„Sehen Sie, dann lassen Sie uns doch versuchen, den von Ihnen gewählte Mediationspfad zu beschreiten. Vielleicht haben Sie beide mehr Erfolge damit, als mit den bisherigen Versuchen. Ist das für Sie in Ordnung? Sind sie dabei?“

„Na, richtig überzeugt bin ich ja nicht aber warum nicht“, sagte Frau Kalkbreite, deren Gesichtsfarbe sich bereits wieder normalisiert hatte, „es soll niemand sagen, ich hätte hier nicht mitgemacht“, dabei schaute sie böse zu Frau Veltinger hinüber.

„Für mich geht das in Ordnung“, sagte Frau Veltinger, „dafür sind wir ja hier.“

Sie schaute Frau Kalkbreite ebenfalls böse an und signalisierte: ‚ICH kooperiere, sehen Sie Herr Klarau? SIE ist diejenige, die immer zickt‘.

„Danke die Damen, dann erkläre ich Ihnen den wichtigsten und schwierigsten dritten Schritt in der Mediation. Sobald Sie die einzelnen Probleme separiert haben, die sich aus ihrer Optik zu lösen lohnen, geht es darum, die Beweggründe und Interessen zu erkennen.“

Ich richtete eine Frage an Frau Kalkbreite: „Kennen Sie alle Beweggründe für das derzeitige Verhalten ihres Gegenübers in ihrem Konflikt? Können Sie, Frau Kalkbreite, mit Sicherheit sagen, warum Frau Veltinger so reagiert?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, richtete ich eine Frage an Frau Veltinger: „Und können Sie Frau Veltinger ebenso klar sagen, warum Frau Kalkbreite die Haltung und Position einnimmt? Wissen Sie, was Frau Kalkbreite beschäftigt?“

Ich wartete wiederum die Antwort nicht ab und fuhr fort: „Ich traue Ihnen beiden zu, dass Sie sich in die Situation Ihre Kollegin versetzen können. Sie werden erstaunt sein, was Sie alles während der Mediation erfahren. In dieser dritten Phase zeigt sich, ob es für Sie beide einen gemeinsamen Nenner gibt, auf dem Sie zusammen Lösungsvarianten erarbeiten können. Und Lösungsvarianten gibt es immer. Im Übrigen haben Sie nichts zu verlieren. Falls Sie zum Schluss kommen, dass Sie Ihren Konflikt durch eine ‹Trennung› lösen sollten, ist das auch eine Option. Ich lade Sie jedoch dazu ein, zumindest auch andere Möglichkeiten zu prüfen. Dieser dritte und intensivste Schritt nennt sich ‚Interessen erkunden‘. Was Sie dafür mitbringen müssen, ist lediglich ein wenig Neugier.“

Neugierig waren die meisten Menschen, dies zuzugeben, war jedoch eine andere Sache. Das war hier auch nicht notwendig. Alleine die Aussicht, dass bei der Mediation auch die Neugier befriedigt werden konnte, war ein Anreiz.

Ich machte eine Pause und fragte die zwei Frauen, ob ich ihnen noch Wasser nachschenken durfte, und wies sie nochmals darauf hin, dass sie sich gerne vom Gebäck auf dem Tisch bedienen durften.

Frau Veltinger schenkte ich Mineralwasser nach und Frau Kalkbreite nahm sich einen Keks.

Ich fuhr fort: „Wenn wir zusammen bis Schritt drei gekommen sind, und das wird voraussichtlich bei der nächsten Besprechung sein, werden wir, wie kann es anders sein, den Schritt vier einläuten.“

Ich zeigte wieder auf meine Zeichnung und deutete auf den nächsten Schritt, der mit ‚Lösungsvarianten‘ überschrieben war.

„Zu diesem Zeitpunkt werden Sie merken, dass nicht nur eine, sondern viele Ideen vorhanden sind, wie Sie die Probleme lösen könnten. Sie werden diese Lösungsvarianten miteinander diskutieren. Ich werde alles für Sie protokollieren. Sie entscheiden dann, was als mögliche Lösungs-Variante stehen bleibt und wegfällt. Das ist eine spannende Phase, glauben Sie mir.“

Meine Aufgabe in dieser Phase war, den Enthusiasmus der Parteien zu zügeln. Oft schwenkten die Parteien zu schnell auf die erste und vermeintlich einzige Lösung ein. Es lag dann an mir, sie zum Weiterdenken anzuregen. Denn wenn ich genug nachbohrte, kamen immer weitere Aspekte und Möglichkeiten zur Sprache. Das war dann jeweils der Moment, bei dem die Parteien spürten, dass es für sie sehr wohl akzeptable Lösungen gab.

Ich fuhr fort: „Der fünfte Schritt ist, wenn Sie so wollen, die Kür. Sie vereinbaren konkrete und verbindliche Massnahmen und ich helfe Ihnen, dass diese realisier- und umsetzbar sind. Je nach dem, werde ich für Sie auch eine schriftliche Vereinbarung aufsetzen.“

Ich schaute die zwei Frauen an und vergewisserte mich, dass sie mir folgten.

„Wie tönt das für Sie?“, fragte ich, „wollen Sie mit mir diese Schritte durchgehen?“

„Ich bin dabei“, sagte Frau Veltinger sofort.

„Auf alle Fälle tönt das Ganze zu gut, um wahr zu sein“, sagte Frau Kalkbreite skeptisch, „aber wie Frau Veltinger schon gesagt hat, darum sind wir ja auch hier, um das zu versuchen.“
„Sehr gut meine Damen, da haben Sie schon einen ersten Schritt in Richtung einer erfolgreichen Mediation gemacht, ich gratuliere Ihnen!“

Ich beantwortete den zwei Frauen noch ein paar Verfahrensfragen und dann ging es bereits ans Eingemachte. Ich wollte noch in dieser Besprechung die Themen sammeln und einzelne Problempunkte erörtern.

Beiden Frauen liess ich genügend Zeit, ihre Sicht des Konfliktes zu schildern. Ich sorgte dafür, dass Frau Veltinger Frau Kalkbreite jeweils nicht unterbrach, und gab Frau Veltinger den gleichen Raum als sie erzählte. Ich achtete mich darauf, dass die jeweilig andere Frau auch zuhörte und stellte nur dann gezielt eine Frage, wenn ich der Meinung war, dass sie helfen würde, die Sicht der Erzählenden besser zu verstehen. Beide erzählten unter anderem von ihren Ängsten und Befürchtungen beim Job und es war offensichtlich, dass die jeweilig andere sich gut in die Situation der Erzählenden versetzen konnte. Ich konnte dies an den betretenen Gesichtern erkennen. Es gab jedoch auch Sachthemen, bei welchen die Frauen nicht einer Meinung waren und diese notierte ich mir als Themen.

Wir befanden uns im zweiten Schritt, als die vereinbarte Zeit dieser ersten Besprechung abgelaufen war.

„Das ging ja schon sehr gut“, sagte ich. „Sie haben eine Themenliste und Sie haben sich sogar auf vier Themen oder Problemkreise geeinigt, die Sie zusammen erörtern wollen. Ein Thema ist die Arbeitsplatzsicherheit. Dieses Thema beschäftigt sie beide stark. Ich schlage vor, dass wir dieses Thema als Erstes angehen.“

Ich war zufrieden mit dem Erreichten und dem Engagement, das die zwei Frauen an den Tag legten und sagte es ihnen auch. Echtes Lob über erreichte Zwischenziele war sehr hilfreich, um den Parteien zu zeigen, wie gut sie unterwegs waren. Das motivierte zum Weitermachen. In diesem Falle erkannten beide Frauen, dass sie ähnliche Sorgen belasteten. Dies war ein wichtiger Schritt in Richtung möglicher Lösungsansätze.

Frau Veltinger und Frau Kalkbreite signalisierten verhalten, dass es aus ihrer Sicht auch gar nicht so schlecht angelaufen war.

„Ich meine, ich stelle zumindest fest“, sagte Frau Kalkbreite mit einem Anflug von Überraschung in der Stimme, „dass ich mich mit Frau Veltinger zumindest auf vier gemeinsame Themen geeinigt habe und ich gebe zu, dass ich Frau Veltinger zum Teil verstehe. Wobei ich aber immer noch nicht glücklich bin über ihr Verhalten von letzter Woche. Aber eben: Ich meine wir haben uns immerhin auf was ‚geeinigt‘“, betonte sie, “das ist schon noch speziell, auch wenn das wohlgemerkt noch gar nichts sagt. Ich wollte das nur bemerken.“

Frau Veltinger bestätigte in ähnlich verhaltenen Worten ihre Sicht. Beide hatten heute ein Erfolgserlebnis, trauten aber, nach all den schlechten Erfahrungen miteinander, weder dem Ergebnis noch der anderen Frau. Sie waren aber beide positiv gestimmt, das war eindeutig. Keine wollte aber der anderen schon jetzt einen zu grossen Schritt entgegenkommen. Sie hätten ja damit ihre Position schwächen können und ganz war der Sache ja noch nicht zu trauen.

Ich verabschiedete die zwei Frauen an der Haustüre.

Was mich überraschte war, dass sie mit nur einem Auto gekommen waren. «Gut Klarau» lag abgelegen und sie hatten sich vielleicht auch nur arrangiert aber ungewöhnlich war es trotzdem. Ich stellte mir vor, wie die Hinfahrt gewesen war und wie die Rückfahrt wohl sein würde.

Ich ging zurück in das Kaminzimmer und machte mir meine Notizen, damit ich das nächste Mal den Einstieg in die zweite Besprechung leichter fand.

In der Mediation war für mich nicht zentral, ob ich die fünf Schritte, die ich den Frauen Kalkbreite und Veltinger erläutert hatte, exakt einhielt. Im Zentrum stand vielmehr, dass die Parteien ihre effektiven Bedürfnisse und Interessen feststellen und artikulieren konnten. Die Parteien erkannten oft erst während eines Mediationsverfahrens, warum ihnen etwas besonders wichtig war oder warum sie ein Verhalten des Gegenübers so betroffen gemacht oder geärgert hatte. Solche Erkenntnisse waren der Schlüssel für einen Konsens. Ein weiterer Erfolgsfaktor war, dass die Gegenpartei zuhörte und realisierte, WARUM das Gegenüber so reagiert hatte.

Bei den zwei Frauen hatte ich ein gutes Gefühl. Beide legten während der Themensammlung und der Problemerfassung genügend Empathie an den Tag, um auch die Gegenpartei verstehen zu können und zu wollen.

Ich hatte schon Fälle gehabt, bei denen bei den Parteien keine Erkenntnisse reiften und überhaupt keine Bereitschaft vorhanden war, sich Fragen zu den eigenen Bedürfnissen und Interessen zu stellen. So hatte ich auch schon während des zweiten Schrittes eine Mediation abgebrochen. Dies war zwar selten, ich versuchte die Parteien immer dazu zu bewegen, dem Mediationsverfahren eine Chance zu geben, in dem sie nicht gleich bei der ersten Hürde aufgaben.

Meine Mediationen führten mir immer wieder vor Augen, wie hochkomplex und nuancenreich das Verhalten der Menschen war. Kaum erkennbare Kleinigkeiten machten den Erfolg oder Misserfolg einer Mediation aus oder führten dazu, dass sie erst Fahrt aufnahm.

Das Sprechen, das Auftreten, der Blickkontakt oder generell die Körpersprache waren entscheidend.

Ich musste dabei besonders aufmerksam sein und virtuos mit den verschiedenen Frageformen spielen. Fragen waren einer der Kernelemente der Mediation und nirgends zeigte es sich so deutlich wie bei einer Mediation, dass der, der fragt, auch das Gespräch führte. Ich versuchte mein Verhalten und meine Körpersprache sehr bewusst und gezielt aber unauffällig, den unterschiedlichen Situationen während einer Mediation anzupassen.

Mein eigenes Verhalten und Auftreten war im Mediationsverlauf genauso wichtig, wie das der Parteien, wenn nicht sogar entscheidender.

Ich war mir bewusst, dass die Gefahr bestand, dass ich fasziniert vom Studium des Verhaltens meiner Medianten, zwischenzeitlich den Auftrag und die Konflikte meiner Kunden beinahe vergessen konnte. Ich hatte mich auch schon dabei ertappt, dass ich bei den Medianten bewusst Reaktionen hervorrief, nur um zu sehen, ob sich meine Verhaltensthesen bestätigten. Im Nachhinein hatte ich jeweils ein schlechtes Gewissen.

Während einer Mediation kam mir hin und wieder der Philosoph Ludwig Wittgenstein in den Sinn, der gesagt haben soll ‚Sprache ist Verhexung des Geistes‘. Ich verhexte meine Medianten dahingehend, dass ich sie zum Zuhören und Nachdenken bewegte.

Im Umgang mit den Menschen hatte ich auch gelernt, dass viele Verhalten oft irrational schienen. Ich versuchte daher auch, mich vor allzu voreingenommenen Betrachtungen zu hüten. Dies gelang mir zugegebenermassen nicht immer. Auch ich hatte meine Anschauungen und vorgefertigten, zum Teil stereotypen Ansichten. Auch war ich nicht davor gefeit, Vorurteile gegenüber meinen Klienten zu haben. Sicher war es ein Vorteil, dass mir diese Vorurteile zum Teil bewusst waren und ich sehr wohl mein eigenes Verhalten analysierte und Lehren daraus zog. Zumindest eine: Misstraue deinen Ansichten und Anschauungen.

(Ende des 1. Teils).